/ 11.06.2013
Francis Fukuyama
Der große Aufbruch. Wie unsere Gesellschaft eine neue Ordnung erfindet. Aus dem Amerikanischen von Karlheinz Dürr und Ursel Schäfer
Wien: Paul Zsolnay Verlag 2000; 462 S.; geb., 49,80 DM; ISBN 3-552-04957-6Dem weitverbreiteten Pessimismus hinsichtlich der Zukunft unserer postindustriellen Gesellschaft einen beherzten Optimismus entgegenzusetzen, ist ein erfolgverdächtiger Einfall; und in der Tat hat Fukuyamas neues Buch gute Chancen, wieder in die Bestseller zu gelangen. Welches ist die zentrale These? Der Wechsel von der industriellen zur Informationsgesellschaft hat einen großen Einbruch in Bezug auf Werte, sozialen Zusammenhalt und moralische Verbindlichkeit verursacht. Doch der Zuwachs an Freiheit und Gleichheit, der sich im Gefolge einer zunehmend am Wissen orientierten Gesellschaft einstellen wird, wird auch zur Wiederherstellung von Ordnung führen - einfach weil der Mensch, entgegen der Hobbes'schen Annahme, von Natur aus auf Gemeinschaftsbildung hin angelegt ist und seine Vernunftbegabung zur Schaffung neuer Kooperationsstrukturen zu nutzen weiß. Dazu bedarf es nach Fukuyamas Ansicht weder unbedingt eines religiösen Fundamentes noch gar eines starken Staates. Vielmehr bilde die "Staatsbürgergesellschaft" (19) den eigentlichen Naturzustand des Menschen, und dass sich diese Staatsbürgergesellschaft nach dem "Großen Bruch" (17) bereits wieder neu formiert, erscheint Fukuyama aufgrund der von ihm präsentierten Erhebungen als unabweislich. Allerdings ist anders als bei der geradezu zwangsläufigen Entwicklung aller technologisch fortschreitenden Gesellschaften hin zur Demokratie ein "Ende der Geschichte" im Hinblick auf die Stabilität von Normen und Werten nicht absehbar; hier vermutet Fukuyama eher eine zyklische Bewegung. Doch gegenwärtig scheint ihm der Bogen nach oben zu zeigen, und manchmal trägt ja auch schon die bloße Erwartung zur Realisierung des Erwarteten bei ‑ eine Lektion in amerikanischem Optimismus.
Aus dem Inhalt: I. Der Große Bruch: 1. Nach den Regeln spielen; 2. Verbrechen, Familie, Vertrauen: Was geschehen ist; 3. Ursachen: Die geläufigen Erklärungen; 4. Demographische, wirtschaftliche und kulturelle Ursachen; 5. Die besondere Rolle der Frauen; 6. Folgen des Großen Bruchs; 7. War der Große Bruch unvermeidlich? II. Über die Genealogie der Moral: 8. Woher kommen die Normen?; 9. Menschliche Natur und soziale Ordnung; 10. Die Ursprünge von Kooperation; 11. Selbstorganisation; 12. Technologie, Netzwerke und Sozialkapital; 13. Spontaneität und Hierarchie; 14. "Cave 76". III. Der große Aufbruch: 15. Wird das Sozialkapital vom Kapitalismus ausgebeutet?; 16. Wiederaufbau in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Barbara Zehnpfennnig (BZ)
Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 2.2 | 2.22 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Barbara Zehnpfennnig, Rezension zu: Francis Fukuyama: Der große Aufbruch. Wien: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12091-der-grosse-aufbruch_14435, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 14435
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Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
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