/ 03.03.2016
Martin Rupps
Der Lotse. Helmut Schmidt und die Deutschen
Zürich: Orell Füssli Verlag AG 2015; 368 S.; geb., 21,95 €; ISBN 978-3-280-05553-3Der Journalist und Politikwissenschaftler Martin Rupps hat bereits mehrere Studien über Helmut Schmidt vorgelegt, darunter seine Dissertation (siehe Buch‑Nr. 4257). In dieser Publikation, erschienen noch vor Schmidts Tod, zeigt er den Altkanzler als „Politiker aus der Vergangenheit in der Gegenwart“ (23) – ein „Politiker im Unruhestand“, zwar nicht mehr selbst Steuermann der Republik, aber „wahrgenommen und gefragt“ (24) als Lotse, der in wichtigen Fragen die Richtung vorgibt. Diese Rolle resultiere vor allem aus der Nachfrage einer deutschen Öffentlichkeit nach solch einem Lotsen sowie aus einem spezifischen Verhältnis zwischen Schmidt und seinen Landsleuten: „Die Karriere der Kriegsgeneration ist die Voraussetzung für die fortgesetzte politische Bedeutung ihres Protagonisten Helmut Schmidt.“ (41) Rupps arbeitet sich ganz wesentlich am Generationenbegriff ab, der sich als eine Art roter Faden durch das Buch zieht – etwa, wenn Schmidt mit seiner Kritik an Helmut Kohl „im Namen seiner Generation“ (264) dem Nachfolger ein schlechtes Zeugnis ausstellt. Meist wählt der Autor seine Schablonen eher grob, wenn er etwa „Helmut Schmidt und die Seinen“ (72) beschreibt. So habe Schmidts Generation „Soldatenmanager […], Soldatenjournalisten oder Soldatenpolitiker“ hervorgebracht, deren „Angriffslust jederzeit hervorbrechen kann“ und die „vor Publikum roh, impulsiv und gallig“ (73) auftreten. Rupps geht nicht immer linear vor und setzt zudem – eine für den Leser ungünstige Kombination – Jahreszahlen nur sehr punktuell ein. Dafür enthält der Text umso mehr Namen: von Zeitzeugen und Politikern, Kommentatoren und Journalisten, deren Zitate er beinahe willkürlich in den Textfluss einbaut. So bleibt das Buch oft essayistisch bis anekdotenhaft. Rupps mäandert zwischen einem Generationenporträt und der Betrachtung des Einzelfalls Helmut Schmidt: Er bleibt zu eng an ihm für ein allgemeines Bild, bietet aber auch keine klassische Biografie und arbeitet sich bisweilen sehr ausschweifend am allgemein bekannten Kontext – etwa zur Bankenkrise – und an Sekundärliteratur ab. „Der Lotse“ ist gekennzeichnet durch eine enorme Quellenkenntnis (vor allem, was Schmidts Schriften angeht), aber auch durch deutliche handwerkliche Schwächen.
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Rubrizierung: 2.3 | 2.313 | 2.315 | 2.331 Empfohlene Zitierweise: Frank Kaltofen, Rezension zu: Martin Rupps: Der Lotse. Zürich: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/39482-der-lotse_47878, veröffentlicht am 03.03.2016. Buch-Nr.: 47878 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenCC-BY-NC-SA