Skip to main content
/ 19.02.2015
Sandra Katzer

Die "anderen Deutschen", Eine kritische Diskursanalyse

Wien/Berlin: Lit 2014 (Politikwissenschaft 201); 113 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-643-50633-7
Sandra Katzer nimmt sich in ihrer knappen Analyse 163 der zwischen 1990 und 1991 erschienenen Zeitschriften‑ und Meinungsartikel zum Thema der deutschen Wiedervereinigung vor. Der eigentliche systematische Kern der Untersuchung, eine Feinanalyse des einflussreichen Artikels „Das deutsche Wagnis. Die Risiken der Wiedervereinigung“ von Klaus von Dohnanyi in der Nummer 39/1990 des Magazins „Der Spiegel“, umfasst allerdings nur knapp 15 Seiten. In den ersten Kapiteln legt Katzer ihre Wahl der Untersuchungsmethoden dar und rechtfertigt ihre an Michel Foucault, Ulrich Bröckling und vor allem an der Kritischen Diskursanalyse um Siegfried Jäger orientierte Herangehensweise. Die auf diesem Gebiet strittigen Punkte wie der Stellenwert der diskursiven Machteffekte und ihr Verhältnis zu anderen Herrschaftsstrukturen spielen aber für Katzers Fragestellung keine Rolle, auch wenn sich die Wiedervereinigung als komplexes Ensemble politischer, ökonomischer und kultureller Weichenstellungen dafür stark anbietet. Katzer fragt stattdessen danach, welche „Fähigkeiten und Eigenschaften“ den ‚anderen Deutschen‘ im westlichen Diskurs zugeschrieben werden, außerdem nach den in der Wendezeit erzeugten „Subjektformen“ sowie den „Beziehungen der BewohnerInnen der neuen Bundesländer zu denen des ‚Westens‘“ (40). Der Schwachpunkt der Analyse ist damit das Problem der Transmission von Diskursinhalten auf tatsächliche Prozesse: Indem die empirische Beobachtung von den eintretenden oder eben ausbleibenden Veränderungen in den Bewusstseinsformen im Anschluss an „diskursive Ereignisse“ (42) methodisch – und zwar hier: diskursanalytisch – abgeschnitten werden, ist damit im Umkehrschluss die unterstellte Wirkung des Diskurses reifiziert. Forschungspraktisch läuft das bestenfalls auf eine kontextualisierte Nacherzählung einer spezifischen historischen Debatte, im schlechtesten Fall auf ein Psychogramm des neoliberalen Bewusstseins von Dohnanyis heraus. Als Resultat der Untersuchung bleibt damit nur übrig, was in den Prämissen der Theorie bereits enthalten ist: dass nämlich in der Textbasis der politischen Meinungsindustrie Evidenz dafür vorhanden ist, dass im Zuge eines neoliberalen Wiedervereinigungsprojekts neben anderen Machttechnologien auch zusätzlich ein Modell des „Regieren des Einzelnen durch sich selbst und durch Andere“ (78) versucht wurde. Welchen systematischen Platz dieses Modell aber einnimmt und in welcher Beziehung es zur gesellschaftlichen Totalität dieses historischen Prozesses steht, bleibt offen und vermehrt damit die Zweifel am kritischen Charakter der Methodik.
{FG}
Rubrizierung: 2.352.3152.3 Empfohlene Zitierweise: Florian Geisler, Rezension zu: Sandra Katzer: Die "anderen Deutschen" Wien/Berlin: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/38103-die-anderen-deutschen_46573, veröffentlicht am 19.02.2015. Buch-Nr.: 46573 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA