/ 11.06.2013
Tilman Mayer
Die demographische Krise. Eine integrative Theorie der Bevölkerungsentwicklung
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 1999; 489 S.; kart., 98,- DM; ISBN 3-593-36231-7Politikwiss. Habilitationsschrift Würzburg. - "Die Bevölkerungsfrage ist lösbar. Gewaltige Anstrengungen sind zu ihrer Bewältigung erforderlich." (15) Die Ausgangsposition des Bandes ist eine vom Autor verantwortungsethisch begründete, normative: In "demographisch sich deformierenden Gesellschaften" (32) dürfe der Bevölkerungswandel nicht nur passiv durch Adaptationsstrategien begleitet und in seinen Konsequenzen abgefedert werden. Vielmehr sei die - als Prämisse verstandene - "Erhaltung und Konsolidierung" (28) der Bevölkerungsstruktur letztlich nur durch einen wirklichen gesellschaftspolitischen Umbau zu gewährleisten, der auch und gerade in diesem Bereich "gouvernemental-aktiv[e] Korrekturen" (32) zulasse. Die Bevölkerungsfrage wird damit zur "Staatsaufgabe in einem [...] gesellschaftspolitischen Zusammenhang" (24). Zustandekommen und Fortbestand der demographischen Krise schreibt der Autor, zumindest im europäischen Kontext, nicht zuletzt der diesbezüglichen "Handlungsschwäche der Regierungen" (39) zu. Trotz dringenden Handlungsbedarfs, und trotz starken Rückhalts in der Bevölkerung - "die öffentliche Meinung in Deutschland ist pronatalistisch" (41) - werde dem Thema in der Politik immer wieder ausgewichen. Hier gelte es, bestehenden Tabus "durch Aufklärung" (38) entgegenzuwirken, Tabus etwa wie der deutschen Befangenheit in Bevölkerungsfragen nach dem Nationalsozialismus, dem liberalen Einwand gegen Pronatalismus als schwerwiegendem Eingriff in die Privat- und Intimsphäre, und schließlich pragmatischen Berührungsängsten mit der Problematik angesichts der immensen Kosten einer solchen gesellschaftspolitischen Reformaufgabe.
Des weiteren, so der Autor, ist das Problem zu komplex, als dass es sich durch punktuelle oder lediglich materielle Maßnahmen lösen ließe. Monostrukturelle Problemlösung durch Bevölkerungspolitik oder den in der Familienpolitik häufig praktizierten Diversifizierungsansatz lehnt er ebenso strikt ab wie andererseits die resignative These von der "Schicksalsartigkeit des demographischen Wandels" (13). Gesteigerte Einwanderung, Erhöhung der Frauenerwerbsquote oder Verlängerung der Lebensarbeitszeit seien für sich genommen gerade keine direkten Gegenmittel zu Alterungsprozessen und Geburtendefiziten. Er sucht vielmehr einen "doppelten theoretischen Zugang" (28) über "eine praktisch-philosophisch erschlossene Lebensführung als Erklärungskonzept" (29), hauptsächlich jedoch über eine Integrations- und Steuerungstheorie, mit der er eine Gesellschaftspolitik fordert, die als das Ergebnis einer "Integration und Interdependierung" von Politikfeldern wie Familien-, Sozial- und Frauenpolitik, Migrationskonzepten usw. (32) zu verstehen wäre.
Inhaltsübersicht: I. Einführung und Problematisierung; II. Lebensführung; III. Die Herausforderung demographisch - Indikatoren einer Krise; IV. Familienlastenausgleich; V. Kinderwunsch; VI.a. Soziale Sicherheit; VI.b. Altersvorsorge - eine revolutionäre Neuerung; VII. Die Frauenfrage; VIII. Ausländerpolitik - The Disuniting of Germany?; IX. Steuerung.
Thomas Nitzsche (TN)
M. A., Fachreferent für Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena (ThULB).
Rubrizierung: 2.34 | 2.37 | 2.35 | 2.36
Empfohlene Zitierweise: Thomas Nitzsche, Rezension zu: Tilman Mayer: Die demographische Krise. Frankfurt a. M./New York: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/11193-die-demographische-krise_13238, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 13238
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M. A., Fachreferent für Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena (ThULB).
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