/ 11.06.2013
Frank Böckelmann
Die Emanzipation ins Leere. Beiträge zur Gesinnungsgeschichte 1960-2000
Berlin/Wien: Philo Verlagsgesellschaft 2000; 346 S.; 2., veränd. Aufl.; kart., 48,- DM; ISBN 3-8257-0167-0"Wehmütig, aber nicht sehnsüchtig erinnere ich mich an eine Zeit, in der sich noch eine regelrechte bürgerliche Sozialordnung übermächtig und verletzlich zugleich den phantasierten Anschlägen darbot." (21) Gemeint sind die sechziger Jahre, als der Autor innerhalb der 68er Bewegung und ihrer Vorläufer eine aktive Rolle spielte. Nun legt er eine Sammlung von Texten vor, in denen diese Zeit und ihre Folgen behandelt werden. Wohl nicht zufällig beginnt die Auswahl mit Aufsätzen, die von der Gesellschaft bis zur Intimsphäre zahlreiche Lebensbereiche in der abstrakten Sprache der damals gängigen Gesellschaftstheorien abhandeln, um im hinteren Teil des Buches in den Niederungen der Alltags/index.php?option=com_content&view=article&id=41317 wie der Freizeit, dem Auto, dem Einkaufen im Supermarkt oder der Sofortbildfotografie anzukommen. Aus den Großprojekten der Änderung der Gesellschaft oder des Menschen ist inzwischen "ein Arbeit und Freizeit übergreifender, wuchernder Betrieb des Hinterfragens, Erklärens, Begründens, Verurteilens, Versprechens, Einforderns und Fortbildens" entstanden. "Um ihn aufrechtzuerhalten, wird der beschränkte Vorrat an legitimierenden Ideen immer wieder durchgedroschen."(8) Als Ergebnis dieses Auflösungs- und Vollendungsprogramms (13) erscheint "als letzte erträgliche Form der Besiedlung der Erde das Dasein im autarken Appartement - unter einem einzigen politischen Dach, dem der UNO"(10). Böckelmann stellt heraus, dass die in den westlichen Ländern allseits hochgeschätzte kulturelle Vielfalt in Wahrheit einer Vereinheitlichung unterliegt (343). "Die im Norden produzierte Globalkultur installiert nur Medien und füllt keine einzige der unzähligen virtuellen Formen. Sie setzt die Orte, die sie abschafft, weiterhin stillschweigend voraus." (344) Besonders die in den letzten Jahren entstandenen Texte sind sprachmächtig und treffend zugleich. Sie unterziehen sowohl die öffentliche Kommunikation als auch den trivialen Individualismus einer elitären und zugleich anregenden Kritik. Die Hauptfrage des Buches, was die in den letzten Jahrzehnten betriebene Zerstörung und Auflösung am Ende freisetzen (28), ist trotz der Vielfalt der Beiträge oder gerade wegen ihr nur unzureichend beantwortet.
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 2.2 | 2.22 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Frank Böckelmann: Die Emanzipation ins Leere. Berlin/Wien: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/12118-die-emanzipation-ins-leere_14470, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 14470
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Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
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