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/ 03.06.2013
Peter Glotz

Die Jahre der Verdrossenheit. Politisches Tagebuch 1993/94

Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1996; 368 S.; geb., 39,80 DM; ISBN 3-421-05045-7
Für den SPD-Politiker Glotz ist dieses dritte Tagebuch sein letztes, da er sich weitgehend aus dem politischen Leben zurückgezogen hat. Es deckt mit dem Zeitraum von Januar 1993 bis zur Bundestagswahl am 16.10.1994 fast zwei Jahre ab, die für den Autor "übrigens nichts Besonderes" sind; er wollte "die bleierne Zeit, das stickige Zeitalter erfassen" (9). Die Tagebuchnotizen werden durch Zeitungs- bzw. Zeitschriftenbeiträge von Glotz ergänzt, die in dieser Zeit erschienen sind. Es ist in der Tat ein "Tagebuch ohne Rücksichten" (Umschlaguntertitel) gegen andere und sich selbst, jedoch ohne den bitteren Geschmack von Resignation oder einer gewollten Abrechnung mit politischen Gegnern. Dazu wird der politische Betrieb zu ungeschminkt und mit einer Freimütigkeit beschrieben, wie sie sonst auch bei Biographien kaum zu finden ist. In dieser Direktheit liegt der Reiz, die Bedeutung und der Humor dieses Buches. Beispiele: Nach einer Parteivorstandssitzung im Mai 1993: "Am Abend sitzen wir bei dem Saarländer zusammen und trinken, acht oder neun Vorstandsmitglieder. Das Ziel ist klar: Wir wollen Scharping dazu bringen, Lafontaine als Kanzlerkandidat zu akzeptieren. Ein Tandem. Schröder bleibt ausgeklammert. Er ist berauscht von der Idee, daß der Moschusgeruch der Macht die Leute betäube. Deswegen wiederholt er täglich sechsmal die Formel 'Ich will alles.' - Also muß man dafür sorgen, daß er gar nichts bekommt. [...] Scharping bleibt kalt, vorsichtig. Da weiß ich: der will auch alles, der sagt es nur nicht. [...] Oskar wird scheitern. Wieder. In dieser Sekunde entscheide ich mich, auszuweichen und H. W. Z. [Heidemarie Wieczorek-Zeul, Anm. des Verf.] zu wählen, obwohl das nichts nützen wird." (84 f.). September 1993: "Wenn mich etwas ekelt, dann das verächtliche Beschimpfungsritual des parlamentarischen Alltags, das ich selbst natürlich hundertmal feierlich vollzogen habe: [...] Die Opposition im Bund beflegelt die Bundesregierung, die Bundesregierung beflegelt die (andersherum geführten) Länder - und alles bleibt beim Alten, Schlechten. [...] Ich werde immer wieder ausbrechen wollen, um dem Publikum zuzubrüllen, was geht und was nicht geht. Das aber ist, auf sozialdemokratisch, 'unsolidarisch'" (119 f.). Glotz' Tagebuch zeigt die andere Seite der medialen Inszenierungen, geschliffenen Politikerstatements und parteistrategischen Sprechblasen: Es zeigt die politische Praxis pur, immer mit einer Portion Selbstironie versehen. Auch unspektakuläre Aufzeichnungen leben von der pointierten und ausdrucksstarken Sprache, und durch die Auswahl der in das Tagebuch übernommenen Ereignisse rückt auch Glotz selbst dem Leser näher - ob er will oder nicht: "Aufsichtsrat Telekom. Ich fliege um sieben nach Bonn, gegen Mittag wieder zurück. Das einzig Erfreuliche der Pilot, der, als ich die Maschine verlasse, in seiner Kabinentür steht, mir die Hand gibt und wahrhaftig den Satz sagt: 'Sie gehören zu der kleinen Zahl der Politiker, die man achten kann.' Das hat man auch schon anders gehört." (109)
Stefan Lembke (SL)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.32.3312.313 Empfohlene Zitierweise: Stefan Lembke, Rezension zu: Peter Glotz: Die Jahre der Verdrossenheit. Stuttgart: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/2136-die-jahre-der-verdrossenheit_2596, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 2596 Rezension drucken
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