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/ 04.06.2013
Peter Beier

Die "Sonderkonten Kirchenfragen" Sachleistungen und Geldzuwendungen an Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter als Mittel der DDR-Kirchenpolitik (1955-1989/90) Mit einer Einführung in das Forschungsprojekt "Kirche und Staat in der DDR" von Joachim Mehlhausen

Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1997 (Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte. Reihe B: Darstellungen 25); XV, 308 S.; geb., 86,- DM; ISBN 3-525-55725-6
Die sich überwiegend auf Akten früherer DDR-Dienststellen stützende Untersuchung Beiers - Doktor der Theologie und früherer Lektor der Evangelischen Verlagsanstalt in Ostberlin - entstand im Rahmen des von der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) in Auftrag gegebenen o. g. Forschungsprojektes. Diese zweite Veröffentlichung des Projektes will nicht "'enthüllen' und 'anklagen', sondern Substrukturen und Feininstrumente der DDR-Kirchenpolitik sichtbar machen" (XII). Gemäß der 1953/54 einsetzenden Kirchenpolitik der SED wurde der Pfarrer nicht prinzipiell als "Staatsfeind", sondern auch als möglicher "Staatsfreund" (1) betrachtet. Um ihn zu einem Auftreten im Interesse der Politik der Partei- und Staatsführung zu bewegen, entwickelten die für Kirchenfragen zuständigen Dienststellen folgendes Vorgehen: Gespräche zwischen Staatsfunktionären und Geistlichen standen in einer ersten allgemeinen Kontaktphase im Mittelpunkt. In der zweiten intensiven Gesprächsphase ergaben sich hin und wieder "Vertrauensverhältnisse" (3), und in einer dritten Phase wurden materielle Vergünstigungen unterschiedlichen Ausmaßes gewährt. Diese "Präsente" und "Zuwendungen" an kirchliche Mitarbeiter aller Konfessionen wurden aus den "Sonderkonten Kirchenfragen" bei den Räten der Bezirke und der Dienststelle des Staatssekretärs für Kirchenfragen finanziert. Beier beschränkt seine Untersuchung auf finanzielle Ausgaben für evangelische Amtsträger. Am Schluß dieser durch zahlreiche Übersichten und Dokumente angereicherten, die Geschichte der DDR erhellenden Arbeit bemerkt der Autor u. a., daß höchstens 10 % der evangelischen Pfarrer überdurchschnittliche Zuwendungen erhalten haben. "In der Perspektive des Staatsapparates wurde ein Teil der so Beschenkten auf diese Weise in seinem gesellschaftlichen Engagement bestärkt, in seiner politischen Einstellung beeinflußt oder zur Weitergabe interner Informationen angeregt. Hinweise darauf, daß einzelne Pfarrer direkt gekauft worden wären, begegnen allerdings nirgends." (269) Aus dem Inhalt: 2. Der Kontext: 2.1. "Die Politik der Partei in Kirchenfragen"; 2.2. Innerkirchliche Maßregelungen "fortschrittlicher" Pfarrer; 2.3. Die Unzulänglichkeit punktueller Lösungen. 3. Der Politbürobeschluß vom 4.1.1955 und seine Umsetzung; 4. Die Verwaltung der Sonderkonten; 5. Tendenzen: 5.1. "Unterstützung der Geistlichen"; 5.2. Die "Politik mit der Mark"; 5.3. Das Sonderkonto als Prämienfonds; 5.4. Fonds zur Pflege guter Beziehungen; 5.5. Das Sonderkonto als Haushaltskonto. 6. Ermessensfragen?; 7. Verwandte Handlungsfelder: 7.1. Die "Gästehäuser" des Staatssekretärs für Kirchenfragen; 7.2. Der internationale Urlauberaustausch; 7.3. Sonderkonto und MfS. 8. Die Konten im einzelnen.
Sabine Steppat (Ste)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3132.35 Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Peter Beier: Die "Sonderkonten Kirchenfragen" Göttingen: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/3953-die-sonderkonten-kirchenfragen_5622, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 5622 Rezension drucken
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