/ 03.06.2013
Harold Hurwitz
Die Stalinisierung der SED. Zum Verlust von Freiräumen und Sozialdemokratischer Identität in den Vorständen 1946 - 1949
Opladen: Westdeutscher Verlag 1997 (Schriften des Zentralinstituts für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin 79); 514 S.; kart., 94,- DM; ISBN 3-531-12772-1"Das Buch wertet die stenographischen Niederschriften der Plenumssitzungen des zentralen Parteivorstandes der SED und der Berliner Landesvorstandssitzungen vom Mai 1946 bis Januar 1949 inhaltsanalytisch nach zeitgeschichtlichen, sozialpsychologischen und wissenssoziologischen Gesichtspunkten aus." (11) Vier ineinander übergehende "Stalinisierungsphasen" werden herausgearbeitet: Eine unmittelbar nach Gründung der SED beginnende Frühphase, die durch die "Tabuisierung" von sich auf das Sowjetsystem und das Verhalten der sowjetischen Besatzungsmacht beziehenden Themen gekennzeichnet war. Infolge der Ergebnisse der Oktoberwahl ergab sich eine zweite Phase, welche durch eine "Selbstanbindung an die Sowjetunion" aufgrund der geringen Resonanz in der Bevölkerung und der sich dadurch ergebenden Gefährdung der Macht gekennzeichnet war. Seit dem 2. Parteitag der SED im September 1947 sollte der wachsenden Unpopularität in der Bevölkerung durch eine "stalinistisch geprägte Massenmobilisierungskampagne" entgegengewirkt werden (dritte Phase). Und neun Monate später dann die offene Stalinisierung mit der Erklärung, "daß die Umwandlung der SED in eine kommunistische Kaderpartei 'neuen Typs' stattfinde" (378) (vierte Phase). Dabei geht Hurwitz auch der Frage nach, "inwieweit bzw. wann die ehemaligen Sozialdemokraten [...] objektiv in der Lage waren, einen Versuch zu machen - und subjektiv noch in der Lage waren, den Versuch zu wagen -, die Einheitspartei und ihr Regime nach ihren Vorstellungen selbständig, demokratisch und rechtsordentlich zu gestalten." Und: "Hat es Genossen aus der KPD gegeben, die Ähnliches zu realisieren bemüht waren?" (15)
Besonders in seiner Einführung macht Hurwitz den aktuellen Bezug in der politischen Diskussion der Zeit nach der Wiedervereinigung seiner Untersuchungsergebnisse deutlich.
Inhalt: Einführung: 1. Fragestellung und Quellenlage; 2. Zwei Lebenslügen, die weiterlebten; 3. Die Hoffnungen und Absichten fusionswilliger SPD-Führer im April 1946; 4. Zur Stalinisierung von Freiräumen in der SED: ein Überblick. 1. Die ersten Erfahrungen der ehemaligen Sozialdemokraten in der SED: 1.1 Die Anmeldung berechtigter Ansprüche im Frühjahr 1946; 1.2 Nur nicht dran rühren, das oberste Tabu; 1.3 Politische Verhaftungen; 1.4 Die Aktion "Ossawakim"; 1.5 Einheit ohne ideologische Vorklärung. 2. Das Dilemma mit der Besatzungsmacht: 2.1 Nach den Oktoberwahlen; 2.2 Der Streit um die Frage der Ostgrenze; 2.3 Kursänderung im Sommer/Herbst 1947. 3. Der Anspruch auf Demokratie: 3.1 Die Sondersituation Berlins; 3.2 Grotewohl an der Scheidelinie; 3.3 Die Aussicht auf demokratische Wahlen. 4. Die unvollkommene Einheit und die Haltung der SED zur Sozialdemokratie - Belastungen vor und nach den Oktoberwahlen 1946: 4.1 Blockpolitik und Wahlkampf; 4.2 Vergebliche Hoffnungen auf innere Verschmelzung; 4.3 Die Haltung zur SPD als Dilemma der SED (1946 - 1947). 5. Debatten um den ideologischen Standort der Partei 1946 - 1947: 5.1 Deutschlandpolitische Konstellationen und Verselbständigungstendenzen; 5.2 Diktatur des Proletariats oder parlamentarische Demokratie?; 5.3 Probleme der innerparteilichen Schulung. 6. Das Demokratieverständnis: 6.1 "Östliche" oder "westliche" Demokratie?; 6.2 "Formale" oder "reale" Demokratie?; 6.3 "Falsch verstandene Blockpolitik"; 6.4 Der Verfassungsentwurf; 6.5 Debatten über die Rolle der SED in Berlin; 6.6 Bürgerliche Freiheit und "Freiheit der Persönlichkeit". 7. Zum Problem der innerparteilichen Demokratie: 7.1 Die Diskussion in den Landesverbänden; 7.2 Die Zustände in Berlin. 8. Probleme der Mitgliederentwicklung - Integration, Rekrutierung und Maßregelung 1946 - 1949: 8.1 Mitgliederzuwachs oder Karteibereinigung; 8.2 Die Relevanz schichtenspezifischer Unterschiede; 8.3 Eintritte, Austritte, Ausschlüsse. 9. Krisen, die zur Offenbarung führten: 9.1 Zugespitzte Belastungen der Besatzungssituation; 9.2 Schranken des beiderseitigen "Zusammenwachsens"; 9.3 Auf dem Wege zum 2. Parteitag. 10. Der 2. Parteitag als Wende und Abkehr: 10.1 Die Abkehr vom Traum der Verselbständigung; 10.2 Die Preisgabe der freiheitlich-demokratischen Illusionen; 10.3 Kritik an der stalinistischen Parteitagsregie. 11. Zum Vollzug der stalinistischen Wende: 11.1 Rückschau auf die ersten beiden Stalinisierungsphasen; 11.2 Die dritte Phase: Vom 2. Parteitag zur Partei neuen Typus; 11.3 Biographische Hinweise auf eine Politik totalitärer Gleichschaltung; 11.4 Die Rücknahme demokratischer Verbalverpflichtungen. 12. Stalinismus: Die offizielle Weichenstellung: 12.1 Das 11. Plenum am 29. und 30. Juni 1948; 12.2 Das 12. Plenum am 28. und 29. Juli 1948; 12.3 Das 13. Plenum am 15. und 16. September 1948; 12.4 "Gesellenstück" des Stalinismus: Der Fall Bruno Böttge; 12.5 Auswirkungen des Totalitätsanspruchs; 12.6 Biographische Hinweise auf den Charakter des Systems; 12.7 Stalinismus, Systemverstrickung und Vergangenheitsbewältigung.
Heinz-Werner Höffken (Hö)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
Rubrizierung: 2.313 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Heinz-Werner Höffken, Rezension zu: Harold Hurwitz: Die Stalinisierung der SED. Opladen: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/2553-die-stalinisierung-der-sed_3282, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 3282
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
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