/ 20.06.2013
Konrad H. Jarausch
Die Umkehr. Deutsche Wandlungen 1945-1995
München: Deutsche Verlags-Anstalt 2004; 500 S.; geb., 29,90 €; ISBN 3-421-05672-2„Wie konnten die Deutschen nach ihren Verbrechen einen Weg zurück zur vor 1933 bereits in Ansätzen entwickelten Zivilgesellschaft finden?“ (26) Jarausch hat mit der Beantwortung dieser Frage ein großartiges Plädoyer für die demokratisch verfasste Zivilgesellschaft geschrieben - trotz aller Fehler und Versäumnisse, die er kritisiert. Als Ausgangspunkt der Zivilisierung der deutschen Gesellschaft und Politik benennt Jarausch den Holocaust als Zivilisationsbruch sowie die totale Niederlage 1945. Das eindeutige Scheitern, die alliierte Besatzung und die Entmilitarisierung hätten, anders als nach dem Ersten Weltkrieg, ein Umdenken ermöglicht. In seinen Ausführungen über die „Rezivilisierung“ (28) konzentriert er sich auf drei Zeitabschnitte: die erste Nachkriegszeit, die Sechzigerjahre und die „Bürgerrevolution von 1989/90“ (29). Die Analyse ist als „kontrastierende, systemübergreifende Problemgeschichte“ (28) angelegt, die Entwicklungen in der Bundesrepublik und der DDR werden parallel als eine deutsche Nachkriegsgeschichte beschrieben. Diese sei im Westen durch einen Bruch mit dem Militarismus und dem Abschied von der Nation geprägt gewesen, ohne dass damit ein Zusammengehörigkeitsgefühl von Ost und West aufgegeben worden sei. Für die Bundesrepublik stellt Jarausch teilweise „einen Überschuss an Korrekturen“ (131) fest, während in der DDR der Aufbau einer Zivilgesellschaft verhindert worden sei. Dort hätten auch die soziokulturellen Wirkungen der 68er-Revolte gefehlt, die im Westen „einen wichtigen Beitrag zur Etablierung einer toleranteren Zivilgesellschaft“ (238) geleistet habe. Im Osten entstanden in den Achtzigerjahren dann aber Bürgerrechtsbewegungen als Ansätze einer Zivilgesellschaft, denen Jarausch eine Schlüsselrolle beim Sturz des SED-Regimes zuschreibt. Die Liberalisierung der politischen Kultur sei insgesamt eine eindrucksvolle Leistung. Um die Herausforderungen durch die Globalisierung wahrnehmen zu können, sei es aber nicht ausreichend, sich auf die Vermeidung einer Widerholung der Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu konzentrieren - es scheine an der Zeit, die doppelte Diktaturerfahrung zu relativieren.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.313 | 2.315
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Konrad H. Jarausch: Die Umkehr. München: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22347-die-umkehr_25489, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 25489
Rezension drucken
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
CC-BY-NC-SA