/ 04.06.2013
Pamela McCorduck / Nancy Ramsey
Die Zukunft der Frauen. Szenarien für das 21. Jahrhundert. Aus dem amerikanischen Englisch von Christiana Goldmann
Frankfurt a. M.: S. Fischer 1998; 378 S.; 36,- DM; ISBN 3-10-049115-71970 bestand das US-Spitzenmanagement zu 99 Prozent aus Männern. Eine junge Frau, die damals bei einem Unternehmen anfing, durfte mit Recht davon ausgehen, daß der Proporz sich zu ihren Gunsten verändern würde. Das hat er auch: 25 Jahre später setzte sich das Spitzenmanagement nur noch zu 95 Prozent aus Männern zusammen. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, wird es im Jahr 2270 endlich soweit sein, daß Männer und Frauen die gleichen Chancen auf einen Platz im Spitzenmanagement haben. Im US-Kongreß stellten Mitte der neunziger Jahre die Frauen sechs Prozent der Abgeordneten. Das sind immerhin dreimal so viele wie die zwei Prozent von 1950. Wenn es aber so weitergeht, werden nicht vor dem Jahr 2500 genauso viele Frauen wie Männer im Kongreß sein.
Beide Berechnungen schreiben eine Entwicklung linear fort und zeigen insofern nicht mehr als eine Möglichkeit. Es könnte aber durchaus sein, daß der Anteil der Frauen in höheren Stellungen, in Wirtschaft und Politik, auf Dauer bei unter zehn Prozent eingefroren bleibt. Tatsächlich ergibt eine Studie der in Genf ansässigen Interparlamentarischen Union von 1995, daß seit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und der Abhaltung freier Wahlen in Afrika der Anteil der Frauen an den gesetzgebenden Körperschaften weltweit um nahezu ein Viertel gesunken ist. Schlimmer noch: Das Beispiel Norwegen zeigt, daß gesetzgebende Körperschaften, in welchen die Gleichheit verwirklicht ist, als "feminisiert" verachtet werden und sie dadurch Gefahr laufen, gegenüber anderen mächtigen Organisationen des Landes an Boden zu verlieren. Die Autorinnen entwerfen im Anschluß an ihre Studie von "Global Business Networks" (Kalifornien) einen provozierenden Ausblick auf vier alternative Zukunftsszenarien, die durch die Veränderungen im Status der Frauen (unter Einbeziehung wirtschaftlicher, politischer und technischer Entwicklungen) während der nächsten 20 Jahre Wirklichkeit werden könnten: das Szenario des "Triumphes der Reaktion", das des "goldenen Zeitalters der Gleichheit", ein drittes Szenario nennen sie "Zwei Schritte vor, zwei Schritte zurück" und ein viertes "Separat - ja, bitte!". Sie wollen damit nicht die Zukunft vorhersagen, sondern ein Bewußtsein für unsere Wahl- und Handlungsmöglichkeiten schaffen. Dabei eröffnet das positivste aller möglichen Zukunftsszenarien die (Denk-)Möglichkeit, daß Männer und Frauen gleichermaßen Vorteile von einer Welt haben, die die Ungleichbehandlung zwischen den Geschlechtern aufhebt ... - wären da nicht die "unausgegorenen Emotionen", die, wie die Autorinnen feststellen, eine viel größere Rolle in der Frage der Gleichberechtigung spielen, als sie erwartet hatten. Bereits der sich nur zart abzeichnende Wandel beunruhigt die meisten Männer: Werden Männer zu einem Auslaufmodell? Hat die Ehe noch irgendeine Zukunft? Wer wird sich um die Kinder kümmern? Und wer um die Männer? Würden Frauen die Welt insgesamt nicht besser managen können? - Wie bitte?
Angesichts der Vielfalt der Widerstände verlange die veränderte Stellung der Frauen im nun zu Ende gehenden Jahrhundert zuallererst eine veränderte Einstellung der Frauen zu sich selbst, zu ihren Rechten und Fähigkeiten. Sie verlange ein Ende der Selbstanklagen, in denen Frauen sich selbst statt den patriarchalen Strukturen die Schuld an ihrer Deklassierung geben. Und sie verlange den aktiven Zusammenschluß der Frauen in aller Welt im Namen des "goldenen Zeitalters der Gleichberechtigung": Lektüre mit subversivem Potential.
Claudia Bruns (CB)
Dr., Historikerin.
Rubrizierung: 2.27
Empfohlene Zitierweise: Claudia Bruns, Rezension zu: Pamela McCorduck / Nancy Ramsey: Die Zukunft der Frauen. Frankfurt a. M.: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5836-die-zukunft-der-frauen_7589, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 7589
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Dr., Historikerin.
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