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/ 21.06.2013
Stephan Alexander Glienke / Volker Paulmann / Joachim Perels (Hrsg.)

Erfolgsgeschichte Bundesrepublik? Die Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus

Göttingen: Wallstein Verlag 2008; 396 S.; brosch., 36,- €; ISBN 978-3-8353-0249-5
„Auch in ihrer heutigen Form ist die politische Kultur der Bundesrepublik untrennbar mit dem Nationalsozialismus und den Versuchen, ihn aufzuarbeiten, verbunden“ (7), schreiben die Herausgeber. Diese Aufarbeitung sehen sie allerdings nicht als die oft beschworene Erfolgsgeschichte an, es existierten „mehr tote Winkel der Vergangenheit als bisher wahrgenommen“ (9). Die Beiträge der Politikwissenschaftler, Historiker, Juristen und Literaturwissenschaftler sind daher Themen gewidmet, denen meist weniger Aufmerksamkeit zukommt. Dazu gehören (bereits bekannte) unschöne Kontinuitäten in der konservativen Staatsrechtslehre, festgemacht an Ernst Forsthoff, der einer der wichtigsten Theoretiker der NS-Diktatur war und anschließend zu einem der führenden Staatsrechtler der Bundesrepublik wurde. Dargestellt werden außerdem u. a. die Verdrängung und Verharmlosung der Entstehungsgeschichte des Naturschutzes, die Dämonisierung von NS-Gewalttäterinnen in den Medien der Nachkriegszeit und das Desinteresse der politischen Instanzen an der Vernichtung der europäischen Juden bis in die 60er-Jahre hinein. Die „negativen Zeiterscheinungen der westdeutschen Restauration“ (243) beschrieb Wolfgang Koeppen in seinen Romanen, denen ein weiterer Beitrag gewidmet ist. Er legte in seinen Figuren „durch Verhaltensweisen und Aussprüche den faschistischen Nachhall in den Gemütern der Deutschen offen, ihre zuweilen unfassbare Unbedarftheit und unglaubliche Ignoranz“ (246), schreibt Anja Schnabel. Den insgesamt erhellenden Beiträgen schließt sich ein weiteres Kapitel über neue Tendenzen in der Geschichtsschreibung an, in dem (wieder einmal) die beiden Außenseiter der Historiker-Zunft, Götz Aly und Jörg Friedrich, für ihre erfolgreichen Bücher gescholten werden. Aly wird von Perels sogar unterstellt, „den Boden für eine revisionistische Deutung des Dritten Reiches“ (358) zu bereiten. Und Steckerts schiebt Friedrichs „Der Brand“ eine Analogisierung von Auschwitz und Bombenkrieg unter – schade, die Aufarbeitung der Vergangenheit scheint auch in diesem Band nicht ideologiefrei zu funktionieren.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.352.32.313 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Stephan Alexander Glienke / Volker Paulmann / Joachim Perels (Hrsg.): Erfolgsgeschichte Bundesrepublik? Göttingen: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29082-erfolgsgeschichte-bundesrepublik_34352, veröffentlicht am 12.08.2008. Buch-Nr.: 34352 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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