/ 03.06.2013
Renate Krammer
Frauenpolitik
Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 1996 (Beiträge zur Dissidenz 1); 201 S.; 65,- DM; ISBN 3-631-50024-6Dieser Band ist der erste einer neu projektierten Reihe von Arbeiten, denen, in den Worten von Reiheninitiatorin Claudia von Werlhof, "eine gemeinsame dissidente Denkungsart und Methode des Fragens" (10) eigen ist. Nach Werlhof ist seit Tschernobyl klar, daß wir den "Aufbau einer vollkommen andersartigen Wissenschaft und Forschung" (5) brauchen. Fraglos leistet Krammer einen Beitrag hierzu. Der erste Teil ihrer Untersuchung ist der zunehmenden Versklavung der Frauen in der Weltgeschichte gewidmet, der zweite Teil den Bedingungen ihrer Entwicklung von Ohnmacht zur Eigenmacht (133 ff.). Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Frauenunterdrückung. Sie zeigt "die tiefe Spaltung, das gegenseitige Unverständnis, ja Desinteresse, bisweilen Spott und Hohn, letztlich Zynismus, Ironie und Sarkasmus im Verhalten von Männern zu Frauen" (19). Es waren "in erster Linie immer Frauen und Kinder, auf deren Rücken und mittels der Methode rohester Gewalt zuerst die indoeuropäischen Eroberer, dann die griechischen Staatsbürger, später die christlichen Kirchenhäupter und weltlichen Fürsten, die Bürger im 19. Jahrhundert sowie der nationalsozialistische Führerstaat und schließlich die demokratischen Parteieliten ihre Herrschaft errichteten und durchsetzten" (25). Irgendwie erhebliche Unterschiede sieht die Autorin zwischen diesen Herrschaftssystemen, die im folgenden detailliert und mit sehr vielen Zitaten untersucht werden, nicht. "Von der ägyptischen Despotie bis zur modernen Demokratie hatte patriarchale Herrschaft immer nur ein Ziel - den radikalen Femizid auf allen Ebenen des Lebens." (133) Aber das Fazit lautet auch nicht einfach, daß die Männer das Unglück sind. Die Frauen, die einer emanzipatorischen Politik anhängen, sind nicht besser. Sie sind vom Patriarchat vereinnahmt worden und betreiben eine sog. Frauenpolitik, die in Wahrheit das Patriarchat stärkt, da sie sich seinen Regeln unterwirft. Sie sind geschlechtslos geworden. Aus dem Blickwinkel der Matriarchatsforschung betrachtet "wäre also jede 'moderne' demokratische Verfassung zunächst einmal eine andere Form der Despotie" (28). Die Lösung ist nicht Teilhabe an der männlichen, staatlichen Macht, sondern in "Schwesterlichkeit ein lebendiges Netz von Frauenfreundschaften" (183), in dem "hoffnungs- und mutlose, überlastete Frauen ihre Lebenslust und Sinnlichkeit, ihre Spiritualität und ihre schöpferische Überschwenglichkeit wieder zurückerobern" (184) können.
Krammers Buch ist das abenteuerlichste Exemplar historischer Verschwörungstheorie, das der Rezensent je vorliegen hatte. Wenn man das Wort "Patriarchat" sinngemäß durch "Großkapital", "Ausländer", "Weltkommunismus" oder "Juden" ersetzt, landet man bei geistig verwandten Theorien. Ich habe längere Zeit nach einer Schlußcharakterisierung gesucht, aber keine bessere, weniger dramatische gefunden: die Ideen dieses Buch sind faschistoid.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.27 | 2.36
Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Renate Krammer: Frauenpolitik Frankfurt a. M. u. a.: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/2927-frauenpolitik_3834, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 3834
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Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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