/ 05.06.2013
Pierre Bourdieu
Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion
Konstanz: UVK Universitätsverlag 1998 (édition discours 23); 118 S.; brosch., 18,- DM; ISBN 3-87940-635-9Der Band enthält Aufsätze, Reden und Interviews Bourdieus aus dem Zeitraum Dezember 1991 bis Januar 1998. Diese enge Datierung verweist auf einen unmittelbaren Zeitbezug der Texte: Es handelt sich um Wortmeldungen eines Intellektuellen, der die "gelehrte Enthaltsamkeit" (7) gegenüber politischen Prozessen aufgegeben hat, die üblicherweise zur akademischen Rolle zählt. Freilich verdanken die Texte ihre unverkennbare Lebendigkeit nicht allein der Tagesaktualität ihrer Anlässe - wie Gewerkschaftsveranstaltungen, Streikaktivitäten, Kritik von Medienberichten -, sondern auch dem immer durchscheinenden Gefühl "legitimer Wut", mit dem Bourdieu auf die "neoliberale Heimsuchung" (10) reagiert. Ob es um die europäische Einigung (39 ff.), die Funktion von Wissenschaft (60 ff.) oder des Journalismus (77 f.) geht, stets dechiffriert Bourdieu die Wirkungen des herrschenden Diskurses, der - gefangen in den Kategorien neoliberaler Ökonomik - das "Vertrauen der Märkte" über das "Vertrauen des Volkes" stellt (58). Man darf von diesen Texten keine Argumentationen im herkömmlichen Sinn erwarten, es sind vielmehr polemische Thesen eines Zeitgenossen, der - im Medium der intellektuellen Auseinandersetzung - an sozialen Kämpfen gegen ein "Programm der planmäßigen Zerstörung der Kollektive" (110) teilnimmt. Denn im Kern impliziere die individualistische Utopie des Neoliberalismus eine Auflösung sämtlicher kollektiver Strukturen - Nationalstaat, Gewerkschaften, soziale Bewegungen, Familien. Bourdieus Hoffnung aber, diesem destruktiven Prozeß Einhalt zu gebieten, richtet sich auf politische Bestrebungen, die den Staat (perspektivisch: den Weltstaat) als Verteidiger eines "Allgemeinwohls" wieder stärken könnten (118).
Inhalt: Für ein Regressionsverbot; Vorwort zur deutschen Ausgabe; Die rechte und die linke Hand des Staates; Sollers "tel quel"; Fremdenschicksal als Schibboleth; Machtmißbräuche im Namen der Vernunft; Die Worte des Eisenbahners; Wider die Zerstörung einer Zivilisation; Der Mythos "Globalisierung" und der europäische Sozialstaat; Das Modell Tietmeyer; Der Beruf der Wissenschaft und die soziale Bewegung; Für einen neuen Internationalismus; Fernsehen, Journalismus und Politik; Nochmal: Über das Fernsehen; Die sogenannten "Verantwortungsträger", die uns keine Verantwortung zubilligen; Prekarität ist überall; Die Arbeitslosenbewegung - ein gesellschaftliches Wunder; Der negative Intellektuelle; Der Neoliberalismus. Eine Utopie grenzenloser Ausbeutung wird Realität.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.23 | 2.22 | 2.262
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Pierre Bourdieu: Gegenfeuer. Konstanz: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6578-gegenfeuer_8902, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 8902
Rezension drucken
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
CC-BY-NC-SA