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/ 05.06.2013
Josef Pilvousek (Hrsg.)

Kirchliches Leben im totalitären Staat. Quellentexte aus den Ordinariaten 1977-1989. Dokumentenband Teil II

Leipzig: benno Verlag 1998; 618 S.; kart., 29,80 DM; ISBN 3-7462-1234-0
Die Quellensammlung ist Fortsetzung und zugleich Abschluß des vom Erfurter Kirchenhistoriker Pilvousek herausgegebenen Quellenwerkes "Kirchliches Leben im totalitären Staat". Band 1 ist bereits 1994 mit dem Untertitel "Seelsorge in der SBZ/DDR 1945-1976" erschienen. Der nun vorliegende zweite Band stellt 180 Dokumente über das Wirken der katholischen Kirche in der DDR für die Zeit ab 1977 zusammen. Die Initiative für diese Quellenedition geht auf die mittlerweile so nicht mehr bestehende Arbeitsgemeinschaft Bischöfe-Region-Ost zurück. Die Dokumente stammen aus fünf kirchlichen Jurisdiktionsbezirken in der DDR - Dresden-Meißen, Erfurt-Meiningen, Görlitz, Magdeburg und Schwerin - und sind in chronologischer Reihenfolge für jedes dieser Gebiete abgedruckt worden. Warum das Bistum Berlin ganz ausgespart wurde, wird leider nicht begründet. Neben einer knappen Einführung, in der vor allem auf besonders eindrückliche Dokumente aufmerksam gemacht wird, bietet der Band zu jedem Jurisdiktionsgebiet eine knappe geschichtliche Skizze, ein Personenverzeichnis mit kurzen Biogrammen der wichtigsten kirchlichen und staatlichen Akteure und ein Personen-, Orts- und Sachregister. Die veröffentlichten Quellen stammen aus den kirchlichen Archiven der genannten Jurisdiktionsbezirke, wegen der Sperrfrist für deren Akten häufiger aber auch aus dem Privatbesitz der Bischöfe. Die allermeisten Dokumente sind Hirtenbriefe, Predigten und Ansprachen der Bischöfe, also Quellen zur amtlichen, öffentlichen Kommunikation in der Kirche. Materialien zum internen Willensbildungsprozeß in der Bistumsleitung oder aber zur Wahrnehmung und Rolle der betroffenen Kirchengemeinden und Laien sind eher selten, wobei sich hierbei nochmals deutliche Unterschiede in der Art des ausgesuchten bzw. zur Verfügung gestellten Quellenmaterials für die einzelnen Gebiete zeigen. Inhaltlich geben die Dokumente daher vor allem Einblick in die offizielle Kirche: Sie bieten Stellungnahmen und Leitlinien der Kirchenleitungen für das kirchliche Verhalten gegenüber Staat und Partei, machen die Bedeutung der weltkirchlichen Dimension für die katholische Diaspora der DDR deutlich und erlauben in Grenzen Rückschlüsse auf den kirchlichen Alltag in der DDR. Von besonderem Interesse sind sicherlich jene Dokumente, die Aufschluß über die Haltung und Handlungen der katholischen Bischöfe in der Schlußphase der DDR und insbesondere in der Zeit der gewaltlosen Revolution liefern (vgl. etwa Dresden-Meißen Dok. 28). In den vorliegenden Hirtenworten spiegelt sich für die 80er Jahre ein zumindest im binnenkirchlichen Raum wahrnehmbares gesellschaftspolitisches Wiedererwachen des Episkopats. In der zweiten Jahreshälfte 1989 erfolgte dann die bewußte Ermutigung der katholischen Laien zur Übernahme politischer Verantwortung in der Zeit des Umbruchs. Schade ist, daß der vorliegende Quellenband selbst bewußt "nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Quellenedition" (20) erhebt. Der wissenschaftliche Werte der Quellensammlung wäre leicht zu steigern gewesen, wenn in der Einleitung die Kriterien für die Quellenauswahl offengelegt, die Grenzen der Interpretation des zur Verfügung stehenden Materials diskutiert und eine Einordnung in den Kontext anderer vorliegender Quelleneditionen zur Geschichte der katholischen Kirche in der DDR vorgenommen worden wäre.
Antonius Liedhegener (Li)
Dr., wiss. Ass., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.uni-jena.de/svw/powi/sys/liedhege.html).
Rubrizierung: 2.313 Empfohlene Zitierweise: Antonius Liedhegener, Rezension zu: Josef Pilvousek (Hrsg.): Kirchliches Leben im totalitären Staat. Leipzig: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7932-kirchliches-leben-im-totalitaeren-staat_10511, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10511 Rezension drucken
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