/ 04.06.2013
Tilman Fichter / Siegward Lönnendonker
Macht und Ohnmacht der Studenten. Kleine Geschichte des SDS
Hamburg: Rotbuch Verlag 1998; 208 S.; brosch., 24,80 DM; ISBN 3-88022-940-6Mit diesem Buch legen die beiden Autoren eine überarbeitete Neuauflage ihrer 1977 erstmals erschienenen Geschichte des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes vor, der von seiner 1961 erfolgten Trennung von der SPD bis zu seiner endgültigen Auflösung 1970 eine der wichtigsten Organisationen der studentischen Protestbewegung in der Bundesrepublik war. Zwar sind in die Neuauflage angeblich zuvor nicht zugängliche Dokumente und weitere Interviews eingearbeitet worden; die neue Version bleibt aber einem alten Problem verhaftet, nämlich der Frage nach der kritischen Distanz der Autoren zu ihrem Untersuchungsgegenstand. Da diese "nicht den Anspruch historischer Neutralität oder Wertfreiheit" verfolgen, sondern ihr Buch "als ein(en) Beitrag zur aktuellen Auseinandersetzung über Jugend- und Studentenkulturen in der modernen Gesellschaft" (13) begreifen, bekommt das Buch fast zwangsläufig eine Schieflage, die sich nicht zuletzt in der sprachlichen Ausdrucksform artikuliert. Den verstorbenen ZDF-Showmaster Hans Rosenthal bzw. seine Teilnahme an einer Kundgebung gegen die Berliner Studentendemonstrationen im Februar 1968 als "peinliches Mittelmaß" (173) zu beschreiben, ist nur die Spitze des Eisbergs. Daß die Auseinandersetzung der 68er-Generation mit ihrer eigenen Geschichte sich häufig in einem schwärmerischen Ton entlädt, mag der Leser nachsehen. Auch daß der Text dreißig Jahre nach dem Höhepunkt der Studentenbewegung immer noch die permanente Abrechnung mit dem etablierten bundesrepublikanischen System durchscheinen läßt, mag man charmant finden oder für authentisch halten. Aber leider verlieren die beiden Autoren sich und ihren roten Faden in der unübersichtlichen Darstellung von diversen, sich voneinander abspaltenden oder miteinander fusionierenden politischen Gruppen, Zirkeln und Sektierern im Umfeld des SDS. Dies ist das Ergebnis eines institutionenorientierten Ansatzes, der die Historie des SDS vorwiegend als eine Geschichte seiner Delegiertenkonferenzen und Vorstandsdiskussionen erzählt. Der sozialgeschichtliche und politische Bezugsrahmen der fünfziger und sechziger Jahre, der zugleich das Entstehen des SDS beförderte und seinen Niedergang mitverantwortete, wird hingegen kaum berücksichtigt. Zudem muß man bei den Autoren eine grenzenlose Überschätzung des SDS feststellen: Diesem zu bescheinigen, ihm sei es mit 1.200 Mitgliedern Mitte der sechziger Jahre gelungen, "an den seit ca. 100 Jahren von rechts beherrschten Universitäten in Deutschland eine Tendenzwende nach links durchzusetzen" (10), sagt mehr über die Autoren aus als über den zeitgeschichtlichen Sachverhalt. Daß das Buch auf einen wissenschaftlichen Apparat völlig verzichtet, ist dann nur noch leise Kritik. Aus der Fülle der Bücher, die 1998 zur außerparlamentarischen Opposition und der Studentenbewegung von 1968 erschienen sind, ist dies sicherlich eines der schwächsten.
Markus Kaim (MK)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
Rubrizierung: 2.331 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Markus Kaim, Rezension zu: Tilman Fichter / Siegward Lönnendonker: Macht und Ohnmacht der Studenten. Hamburg: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6371-macht-und-ohnmacht-der-studenten_8667, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 8667
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Forschungsgruppe "Sicherheitspolitik", Stiftung Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut für Internationale Politik und Sicherheit, Berlin.
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