/ 22.06.2013
Sonja Profittlich
Mehr Mündigkeit wagen. Gerhard Jahn (1927-1998) Justizreformer der sozial-liberalen Koalition
Bonn: Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger 2010 (Politik- und Gesellschaftsgeschichte 85); 351 S.; hardc., 32,- €; ISBN 978-3-8012-4196-4Politikwiss. Diss. Bonn; Gutachter: M. Schneider. – Gerhard Jahn gehörte zu den wichtigsten Rechtspolitikern der sozialdemokratischen Partei in der Bundesrepublik. Die Kindheit und Jugend Jahns im „Dritten Reich“ war geprägt vom Schicksal eines „Halbjuden“, dessen Mutter, Lilli Jahn, 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Über Jahns Mutter gibt die bewegende Biografie von Martin Doerry und Peter Palm mit dem Titel „Mein verwundetes Herz“ nähere Auskunft. Gerhard Jahn selbst machte nach dem nachgeholten Abitur und einem juristischen Studium in der Bundesrepublik eine mehr oder weniger typische Karriere als sozialdemokratischer Politiker, die ihre Anfänge in der Hochschularbeit und der Marburger Kommunalpolitik hatte. Von 1957 bis 1990 gehörte er dem Deutschen Bundestag an. In seine Amtszeit als Justizminister (1969-1974) fallen wichtige rechtspolitische Vorhaben, vor allem die Reform des Strafgesetzbuches mit der Diskussion um den § 218 und die Reform des Eherechts. In der hitzigen gesellschaftlichen Debatte um eine Entkriminalisierung des Schwangerschaftsabbruchs suchte Jahn mit einer vermittelnden Position sowohl den Wünschen der Frauenbewegung als auch den Bedenken insbesondere der Kirchen Rechnung zu tragen. Im parlamentarischen Beratungsprozess zur Reform des § 218 geriet Jahn als Gegner einer Fristenlösung dann allerdings in eine Minderheitenposition und wurde von den eigenen Koalitionsfraktionen überstimmt. Hier lag sein Verdienst eher darin, ein Gesetzesvorhaben überhaupt angestoßen zu haben. In der Reform des Eherechts konnte sich Jahn mit einem Referentenentwurf seines Hauses stärker durchsetzen. Das Inkrafttreten des Eherechtsreformgesetzes im Jahre 1977 erlebte Jahn allerdings nicht mehr im Amt des Bundesjustizministers. In diesem Fall erntete Hans-Jochen Vogel als Nachfolger die Früchte eines jahrelangen Reformprozesses. Profittlich legt in ihrer umfang- und materialreichen Studie den Schwerpunkt auf ebenjene Reformprojekte und ihre langfristige Wirkung, insbesondere auf die Gleichstellung von Frauen in der bundesdeutschen Gesellschaft.
Sebastian Lasch (LA)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.3 | 2.331 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Sebastian Lasch, Rezension zu: Sonja Profittlich: Mehr Mündigkeit wagen. Bonn: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32057-mehr-muendigkeit-wagen_38236, veröffentlicht am 19.10.2010.
Buch-Nr.: 38236
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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