/ 10.07.2013
Helmut Reinicke (Hrsg.)
Rudi Dutschke. Aufrecht gehen – 1968 und der libertäre Kommunismus
Hamburg: LAIKA Verlag 2012 (Bibliothek des Widerstands 12); 318 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-942281-81-2In politischer wie theoretischer Hinsicht ist Rudi Dutschke die zentrale Figur der studentisch‑revolutionären Bewegung, die 1968 ihren Höhepunkt erlebte. Was will Helmut Reinicke beinahe 35 Jahre nach dem Tod des gesellschaftspolitisch noch immer polarisierenden Charismatikers beschreiben? Die Person Dutschkes ist es nicht, denn über dessen persönliches Leben erfährt man im Buch weniger als über das irgendeines der im umfangreichen Glossar angeführten Namen (Dutschke fehlt hier verständlicherweise). Über sein politisches Leben wird einiges berichtet, aber weil der historische Hintergrund der Epoche nur schlaglichtartige Beachtung erfährt, wird es selbst für den Leser mit einer soliden Allgemeinbildung schwer, aus der auf die Jahre 1967 und 1968 konzentrierten Darstellung Reinickes so recht schlau zu werden. Am meisten Licht wirft sein Text auf Dutschke als Theoretiker. Aus zweierlei Gründen überzeugt das Buch aber auch in Bezug auf diese Perspektive nicht ganz. Einerseits zeichnet sich der libertäre Kommunismus Dutschkes nämlich gerade durch seine theoretische Zögerlichkeit aus. Reinicke macht plausibel, warum sich gerade deshalb keine gehaltvolle Theorie bei Dutschke finden lässt. Andererseits erfordern die aus Dutschkes Schriften und Reden rekonstruierten Theoriefragmente einiges an Voraussetzungen zu ihrem Verständnis, sodass eine klare Darstellung ihrer marxistischen Grundlagen hilfreich gewesen wäre. Hier verweigert der Zeitgenosse und Kampfgefährte Dutschkes aber, wie schon im Hinblick auf die persönlichen und historischen Kontexte seines Protagonisten, die systematische Kohärenz, der es bedurft hätte, eine so schillernde Epoche und einen ihrer einflussreichsten Köpfe der Gegenwart nahezubringen. Der Text bleibt so eine essayistische Gedächtnisstütze für diejenigen, die sich noch an ihre Zeitzeugenschaft in der linken Bewegung erinnern können. Dennoch hat der LAIKA‑Verlag ein interessantes Buch vorgelegt: Neben den Faksimiles Dutschkes und dem vollständigen Abdruck seiner wichtigen Texte enthält der Band zwei DVDs mit vier Filmen, sodass wenigstens etwas von der Person vermittelt wird, die im Text einfach nicht plastisch werden will.
Stefan Militzer (SM)
Dr., Publizist, Frankfurt a. M.
Rubrizierung: 2.313 | 2.331 | 2.3
Empfohlene Zitierweise: Stefan Militzer, Rezension zu: Helmut Reinicke (Hrsg.): Rudi Dutschke. Hamburg: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35927-rudi-dutschke_41009, veröffentlicht am 14.07.2013.
Buch-Nr.: 41009
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Dr., Publizist, Frankfurt a. M.
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