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/ 12.06.2013
Vassilis Tsianos / Athanasios Marvakis / Heike Schrader / Andreas Blechschmidt / Yannis Ritsos / Autonomes AutorInnenkollektiv Athen / Klandestin / Koukoulofori

Schrei im Dezember. Griechenland 2008 – ein erschossener Demonstrant

Hamburg: LAIKA Verlag 2010 (Bibliothek des Widerstands 3); 93 S.; 19,90 €; ISBN 978-3-942281-72-0
Unter anderem wegen ihrer düsteren Zukunftsaussichten sehen sich viele griechische Jugendliche als zur „Generation 700 [Euro]“ (14) zählend, der trotz guter Ausbildung nur schlecht bezahlte und unsichere Jobs angeboten wird – wenn überhaupt. Die aufgrund der Unzufriedenheit entstandenen Unruhen schlugen endgültig in gewaltsame Auseinandersetzungen mit staatlichen Institutionen um, als Alexis Grigoropoulos am 6. Dezember 2008 auf offener Straße durch den Schuss eines Polizisten starb. Als Reaktion auf seinen Tod lieferte sich die prekarisierte Jugend Straßenschlachten mit der Polizei, plünderte Luxusläden und zerstörte griechische Innenstädte. Die Autoren verfolgen vor diesem Hintergrund gleich mehrere Ziele: Erstens werden die Ereignisse des Dezembers 2008 (ausschließlich!) aus Sicht der autonomen Aktivisten festgehalten. Zweitens versuchen sie eine Art Rechtfertigung und theoretische Legitimation für die eingesetzte Gewalt zu liefern, indem sie darlegen, „wer der tatsächliche Feind ist“ (52), „dass er unsere Leben tyrannisiert“ und ihm „sicher nicht mit Blumen und friedlichen Protesten“ (49) begegnet werden kann. Übrigens – so kann im Buch nachgelesen werden – ist jeder, der „das nicht begreift, […] entweder Bulle oder Faschist oder bescheuert oder alles drei zusammen, denn das eine schließt das andere nicht aus“ (45). Drittens liefert dieses Buch auch praktische Vorschläge für zukünftig anzuwendende Taktiken gegen ebenjene Personengruppen: Das Autonome Autorenkollektiv plädiert dafür, bei Auseinandersetzungen mit der Polizei Atemschutzmasken anzulegen, um das eingesetzte Tränengas wirkungslos werden zu lassen, und schlägt außerdem vor, schon vor dem nächsten Zusammentreffen mit der Polizei „Material und Steine“ zu sammeln, um „permanent bereit und ausgerüstet“ (53) zu sein und den staatlich Bediensteten als geschlossene Gruppe gegenüberzutreten. In diesem Buch wird allein schon durch die menschenverachtende Sprache, aber auch durch die undifferenzierte Darstellung der Ereignisse ein simplifizierendes Freund-Feind-Schema konstruiert. Dies muss sicher auch als Reaktion auf die von staatlicher Seite gemachten Fehler gesehen werden, es lässt aber gleichzeitig erhebliche Zweifel daran aufkommen, dass die autonome Seite selbst so verantwortungsvoll mit legislativer und exekutiver Macht umgehen würde, wie sie es grundsätzlich von Herrschaftssystemen fordert.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.612.222.25 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Vassilis Tsianos / Athanasios Marvakis / Heike Schrader / Andreas Blechschmidt / Yannis Ritsos / Autonomes AutorInnenkollektiv Athen / Klandestin / Koukoulofori: Schrei im Dezember. Hamburg: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14512-schrei-im-dezember_42002, veröffentlicht am 24.05.2012. Buch-Nr.: 42002 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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