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/ 22.06.2013
Heike Karge

Steinerne Erinnerung – versteinerte Erinnerung? Kriegsgedenken in Jugoslawien (1947-1970)

Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2010 (Balkanologische Veröffentlichungen. Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin 49); 267 S.; 48,- €; ISBN 978-3-447-06270-1
Geschichtswiss. Diss. Europäisches Hochschulinstitut Florenz; Gutachter: B. Stråth, W. Höpken. – Die Vergangenheitsdiskurse, die sich spätestens seit den 80er-Jahren in der jugoslawischen Öffentlichkeit als Diskurse mit nationalistischen Untertönen artikulierten, seien nicht wie ein Phönix aus der Asche wiederauferstanden, schreibt Karge. Ermöglicht und vorbreitet seien sie vielmehr durch die zuvor jahrzehntelange Ausblendung und Tabuisierung wesentlicher Bestandteile der Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg, vor allem des Bürgerkrieges. Problematisch sei zudem die praktizierte Form des Gedenkens gewesen, so „die Re-Inszenierungsversuche des Gedenkens seit Mitte der 1960er Jahre, in denen quasi konservierte Gedenkinhalte massenmedial aufpoliert wurden“ (247). Dabei sei es dem Staat in erster Linie um die Vermittlung von symbolträchtigen Inhalten gegangen, sie lassen sich unter die Stichworte „Brüderlichkeit und Einheit“ sowie „sozialistische Revolution“ (248) fassen. Dennoch weist Karge die in der Literatur wiederholt zu lesende Feststellung zurück, die kollektiven Erinnerungen im sozialistischen Jugoslawien seien eingefroren gewesen. Sie greift stattdessen den Ansatz von Martin Sabrow auf, der nicht darauf zielt, „Widerstände gegen den verordneten Diskurs herauszuarbeiten, sondern die ‚Differenzen und Gegensätze in ihm’“ (17). In den Blick genommen werden so auch Prozesse, die von unten, von der lokalen Ebene, nach oben liefen. Zum Gegenstand der Untersuchung wird damit nicht nur der staatliche Sonderausschuss als zentrales politisches Organ zur Schaffung von Orten des Gedenkens, sondern auch der Kriegsveteranenbund, in dem Menschen verschiedener Berufgruppen, sozialer Schichten und beider Geschlechter tätig waren, und seine lokalen Gedenkpraktiken. Anzeichen für Wandlungen in der Kriegserinnerung, die sich so feststellen ließen, schreibt Karge, seien allerdings über die 70er-Jahre hinaus durch die offizielle Maxime zunichte gemacht worden, keine Tabus zu brechen. Die unaufgearbeiteten Erinnerungen an den Bürgerkrieg seien so zu Feindbildern und Stereotypen erstarrt, die in den Kriegen der 90er-Jahren verwertet worden seien.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.612.23 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Heike Karge: Steinerne Erinnerung – versteinerte Erinnerung? Wiesbaden: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33019-steinerne-erinnerung--versteinerte-erinnerung_39446, veröffentlicht am 01.03.2011. Buch-Nr.: 39446 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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