/ 11.06.2013
Albrecht von Lucke
68 oder neues Biedermeier. Der Kampf um die Deutungsmacht
Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2008 (Politik bei Wagenbach); 91 S.; 9,90 €; ISBN 978-3-8031-2582-8In diesem sehr lesenswerten Buch soll es „weniger um die eigentliche Bedeutung des Jahres gehen als vielmehr darum, welche Bedeutung 68 und der 68er Generation in den verschiedenen Phasen der Bundesrepublik zugeschrieben wurde“ (9). In der ersten Phase bis 1977 bildete sich überhaupt erst das mit den 68ern bezeichnete Generationenverständnis heraus, dem sich viele Zeitgenossen zuvor dezidiert verweigert hatten. Bis zum Ende der rot-grünen Bundesregierung stand dann das „Wie“ im Mittelpunkt, mit dem die Generation sich in den Institutionen verwirklichte. Die Sprachlosigkeit der überraschten Linken angesichts des Mauerfalls bildete nach Ansicht von Lucke die Zäsur zwischen dem öffentlichen 68er-Jubel von 1988 und der beißenden Kritik zum 25-jährigen Geburtstag der Ereignisse. Das Feuilleton hatte die Deutungshoheit über '68 an sich gerissen und den Generationenbegriff zum Stigma gemacht. Die Regierungsübernahme durch die 68er fünf Jahre später bestätigte, dass auch diese selbst nichts mehr von ihren universalistischen Idealen wissen wollten. Heute wird der Demokratisierungswille der 68er einer neu-bürgerlichen Kritik ausgesetzt, die ihre politischen Errungenschaften grundlegend infrage stellt, gelegentlich sogar verurteilt. Dass die 68er trotz aller Versuche keine Nachfolge-Generation gefunden haben, die ihre Ideen wieder aufnehmen könnte, ist der neuerlichen Bedeutung sozialer Schichten geschuldet, die die nivellierte Mittelstandsgesellschaft der Nachkriegszeit längst schon abgelöst hat. Indem Lucke „die Bedeutung von 68 von den Irrungen und Wirrungen der 68er zu trennen“ (11) versucht, gelingt es ihm zugleich, den bundesdeutschen Kulturkampf der Gegenwart zu umreißen. Das Thema des Buches gerät dabei zwar gelegentlich in den Hintergrund. Lucke eröffnet aber einen Raum für den breiteren Horizont deutscher Kulturgeschichte (etwa den Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe) und unterstreicht so die Konfliktlinien im Deutungsstreit um '68.
Stefan Militzer (SM)
Dr., Publizist, Frankfurt a. M.
Rubrizierung: 2.35 | 2.331 | 2.313
Empfohlene Zitierweise: Stefan Militzer, Rezension zu: Albrecht von Lucke: 68 oder neues Biedermeier. Berlin: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9589-68-oder-neues-biedermeier_34247, veröffentlicht am 04.06.2008.
Buch-Nr.: 34247
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Dr., Publizist, Frankfurt a. M.
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