/ 17.06.2013
Meike Vogel
Unruhe im Fernsehen. Protestbewegung und öffentlich-rechtliche Berichterstattung in den 1960er Jahren
Göttingen: Wallstein Verlag 2010; 349 S.; geb., 39,90 €; ISBN 978-3-8353-0641-7Diss. Bielefeld; Gutachter: I. Gilcher-Holtey, J. Requate. – Seine Bedeutung erhalte ’68 nicht allein durch die Proteste, so die Autorin, sondern ebenso durch deren massenmediale Darstellung – weshalb ’68 auch als ein Kommunikationsereignis zu verstehen sei. Diese These belegt Vogel in einer genauen Analyse, die sowohl durch die zeitgeschichtliche Einbettung als auch durch zahlreiche, das Thema vertiefende Details besticht. Beschrieben wird zuerst das öffentlich-rechtliche System des Rundfunks, nicht ohne den Hinweis, dass dem noch jungen Fernsehen von Anfang an der Vorwurf gemacht wurde, zu linkslastig zu sein. Mit den Studentenprotesten stellte sich vor diesem Hintergrund zudem verschärft die Frage, „was Politik sein solle und wer am politischen Prozess teilnehmen dürfe“. Mit der Berichterstattung über die Proteste wurden somit zugleich auch „die unterschiedlichen Politikvorstellungen [...] erstmals in einer massenmedialen Öffentlichkeit thematisiert und damit ‚vergesellschaftet’“ (297). Vogel untersucht in diesem Kontext das Selbstverständnis der Medienakteure und zeigt, dass zwar nicht unbedingt die Proteste inhaltlich unterstützt wurden, sehr wohl aber die Idee, dass Politik auch außerhalb der Parlamente stattzufinden habe. Das Fernsehen wurde aber nicht nur von der etablierten Politik dafür kritisiert, den Protestierenden (zu viel) Sendezeit einzuräumen, sondern auch von eben diesen, denn sie fürchteten, die Massenmedien seien vor allem staatstragend. Die Protestierenden versuchten allerdings nicht nur, ihre eigene Öffentlichkeit zu schaffen, sie nutzen mit Auftritten auch das Fernsehen für sich. Zentrales Thema der Studie ist die mediale Aufbereitung der Protestereignisse, für die Vogel zwei Rahmungen konstatiert. Zum einen kreisten viele Berichte um „die Frage, inwiefern den Protesten eine politische Qualität zuzumessen sei“ (295). Zum anderen rahmte das „Schlagwort ‚Ruhe und Ordnung’“ (296) die Berichterstattung, entweder im Sinne einer gestörten Ruhe oder einer produktiven Unruhe. Mit dieser Berichterstattung verbunden war ein Prozess der Selbstfindung des Fernsehens, das professionelle Standards entwickelte – mit denen man sich gegen den Vorwurf der etablierten Politik wehrte, eine Berichterstattung bedeute automatisch Parteinahme.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.313 | 2.331 | 2.333
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Meike Vogel: Unruhe im Fernsehen. Göttingen: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14851-unruhe-im-fernsehen_38519, veröffentlicht am 19.07.2010.
Buch-Nr.: 38519
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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