Schaden Meinungsumfragen der Demokratie?
Die Berichterstattung ist voll von Wahlumfragen und Beliebtheitsrankings von Politiker*innen. Doch ist die Omnipräsenz der politischen Meinungsforschung gut für die Demokratie? Michel Dormal hat sich intensiv mit dem Verhältnis von Demoskopie und Demokratie beschäftigt. Im Interview spricht er über die Versprechen der Meinungsforschung, die Kritik daran und erklärt, welche Art von Umfragen man besser lassen sollte.
Herr Dormal, bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt könnten Wahlumfragen eine entscheidende Rolle spielen. Die Demoskopen sehen gleich vier Parteien rund um die 5-Prozent-Hürde. Aus der empirischen Forschung ist bekannt, dass Umfragen Auswirkungen auf die Wahlentscheidung von Wähler*innen haben können. Sie haben sich aus einer polittheoretischen Perspektive intensiv mit dem Verhältnis von Meinungsforschung und Demokratie beschäftigt. Wie blicken Sie auf die Wahlumfragen für Sachsen-Anhalt?
Für Parteien, die an der Sperrklausel zu scheitern drohen, sind Umfragen eine zweischneidige Sache. Sie können einerseits mobilisierend wirken, weil die Anhänger eher zur Wahl gehen oder eine bestimmte Koalitionsmöglichkeit retten wollen. Es kann andererseits aber auch der sogenannte Fallbeileffekt auftreten: Um zu vermeiden, dass die eigene Stimme verschwendet ist, wählt man das kleinere Übel unter den größeren Parteien. Beides ist eine durchaus naheliegende Abwägung und sicher auch nicht illegitim. Problematischer finde ich im konkreten Fall etwas anderes. Nämlich die Tatsache, dass der Umfragevorsprung einer bestimmten Partei die Wahrnehmung und die mediale Berichterstattung so dermaßen dominiert, dass es kaum mehr andere Blickwinkel auf diese Wahl gibt und die anderen Parteien nicht mehr richtig mit ihrer eigenen Bilanz oder ihren Inhalten durchkommen. Jedenfalls ist das mein Eindruck aus Westdeutschland.
Lassen Sie uns einmal auf die Anfänge der Demoskopie zurückblicken: Wo und wann entstand die politische Meinungsforschung, wie wir sie heute kennen?
Die politische Meinungsforschung hat mehrere Wurzeln: Improvisierte Formen der journalistischen Wählerbefragung, die Statistik als Teil der Staatskunst, die frühe Sozial- und Marktforschung, die Entwicklung der wahrscheinlichkeitstheoretischen Grundlagen repräsentativer Stichproben. All diese Einflüsse verschmolzen in den 1930er Jahren in den Vereinigten Staaten zur Politischen Meinungsforschung, wie wir sie heute kennen. Eine regelrechte Gründungslegende ist dabei die Geschichte, wie George Gallup, der ein Jahr zuvor das „American Institute of Public Opinion“ gegründet hatte, 1936 den Ausgang der amerikanischen Präsidentschaftswahl richtig vorhersagte. Allerdings war Gallup nicht der einzige, dem das in diesem Jahr gelang. Auch andere, wie der Marktforscher Archibald Crossley, hatten die Methoden, mit denen man schon seit einigen Jahren die Konsumvorlieben der Amerikaner erhob, erstmals umfassend auf die Wahl angewandt.
Interessant fand ich in Ihrem Buch zu lesen, dass Gallup nicht nur ein erfolgreicher Geschäftsmann war, sondern den Nutzen von Umfragen geradezu demokratietheoretisch begründete.
Gallup bezeichnete die Umfragen als „Puls der Demokratie“. Er bezog sich unter anderem auf die partizipatorische Tradition der neuenglischen Town Meetings und das Erbe der „Jeffersonian Democracy“, die sich gegen eine elitäre Beschlagnahme der repräsentativen Demokratie richtete. Gallup behauptete, Meinungsumfragen ermöglichten nun wieder die direkte Beteiligung aller im nationalen Maßstab. Sie würden die wachsende Entfremdung zwischen dem Volk und seinen Repräsentanten in der modernen Gesellschaft schließen. Es gibt in der Forschung eine Debatte, wie ernst diese Rhetorik zu nehmen war. Manche sehen darin eher eine geschickte Marketingstrategie, um über handwerkliche Qualitätsmängel hinwegzutäuschen. Dennoch denke ich, dass man diese Versprechen unabhängig von der Person Gallups ernst nehmen sollte. Sie sind teils bis heute wirksam, wurden von klugen Leuten oft aufgegriffen und sprechen ja tatsächlich ein Unbehagen an, das viele Leute mit der elektoralen Demokratie haben.
Was entgegneten die damaligen Kritiker*innen der Demoskopie in den USA?
Die publizistische Kritik konzentrierte sich anfangs auf die Frage, ob es politisch wirklich wünschenswert sei, der öffentlichen Meinung so viel Raum zu geben. Das Argument war, dass Verantwortlichkeit, Stabilität und Führungsbereitschaft verloren gingen, wenn die Politik dem Volk zu sehr ‚aufs Maul schaue‘. Das waren Einwände, die man auch zuvor schon gegen Ideen einer direkteren Demokratie vorgebracht hatte. Wobei es aber ein Missverständnis war und ist, Umfragen mit direkter Demokratie zu assoziieren. Denn es sind in aller Regel ja die Eliten, die Umfragen in Auftrag geben und dann die Ergebnisse im eigenen Interesse nutzen. Wenn man genauer hinschaut, sieht man, dass es daneben aber auch noch ein anderes verbreitetes Unbehagen an den Umfragen selbst gab. Also an der Abstraktheit, der Ort- und Gesichtslosigkeit, der mathematischen Grundlage des hier politisch wirksamen Repräsentativitätsanspruchs. Die Menschen konnten die so produzierte freischwebende Public Opinion nicht mehr mit ihrer Lebenswelt und den darin eingebetteten realen Diskussionen mit ihren Mitmenschen in Verbindung bringen.
Wann gab es in Deutschland die ersten politischen Meinungsumfragen?
Meinungsumfragen im engeren Sinne kamen am Ende des Krieges mit der US-Armee nach Deutschland. Zunächst nutzte man sie für die Kriegs- und Besatzungspolitik. Einer der späteren Autoren der vermutlich allen Politikwissenschaftler*innen bekannten Studie The Civic Culture, Gabriel Almond, wirkte etwa beim „United States Strategic Bombing Survey“ über die Auswirkungen der Luftangriffe mit. Danach kam noch eine erzieherische Dimension hinzu. Hier ging es allgemeiner darum, ob die Deutschen die Demokratie akzeptierten, und wo Reste autoritärer Ideologie überlebten. Dieser Logik schlossen sich notgedrungen auch die ersten einheimischen Meinungsforscher an, etwa das 1947 gegründete Institut für Demoskopie Allensbach. Dabei hatten dessen Gründer*innen im Nationalsozialismus überwiegend keine rühmliche Rolle gespielt. Sie behaupteten nun jedoch, man hätte den Aufstieg der Nazis verhindern können, wenn die Demoskopie 1933 schon existiert hätte.
Wie wurden die Chancen der Demoskopie im postnazistischen Deutschland diskutiert?
Charakteristisch für Deutschland war, dass die eben beschriebenen Stichworte – Aufklärung und politische Erziehung – die Debatte weiter prägten, auch als der anfängliche Kontext der Besatzung und Reeducation verblasst war. Die in Amerika so einflussreiche partizipatorische Verheißung spielte dagegen hier keine wichtige Rolle. Stattdessen hoffte man beispielsweise, mittels demoskopischer Daten ganz allgemein eine vorausschauende, lernende, stabilitätssichernde und generell postideologische Politik zu ermöglichen.
Zu den prominenten Kritikern der politischen Meinungsforschung in Deutschland gehörten so unterschiedliche Intellektuelle wie der konservative Wilhelm Hennis und der progressive junge Jürgen Habermas des „Strukturwandels der Öffentlichkeit“. Wieso glaubten weder Hennis noch Habermas an das aufklärerische Potenzial der Demoskopie?
Beide waren sich zunächst einig, dass die Demoskopie eine Angleichung der Politik an den Konsum befördere. Kandidaten oder Parteien würden wie Waren für den Verkauf optimiert. Habermas, der einige Jahre nach Hennis schrieb, hatte daneben auch explizit schon die tatsächlichen politischen Verwendungsweisen der Umfragen vor Augen. Dazu muss man wissen, dass Ende der 50er Jahre in Deutschland vor allem die Spitzen der Exekutive und der Regierungsparteien Umfragedaten nutzten. Und sie taten dies, so Habermas, vor allem, um Politik in einer Weise zu gestalten, die strategisch bestimmte Bedürfnisse bediente, ohne jedoch einen tatsächlichen Diskurs über Ziele und Optionen führen zu müssen. Das war für Habermas ein ganz wesentlicher Faktor bei der zunehmenden Verwandlung der kritischen Öffentlichkeit in ein Instrument der affirmativen Legitimierung und Stabilisierung. Beide, Hennis wie Habermas, waren sich auch einig, dass eine tatsächlich aufgeklärte Meinungsbildung im fortlaufenden öffentlichen Bezug auf ein Gegenüber passieren muss. Der Unterschied liegt darin, wie sie diesen Bezug verstehen. Hennis denkt an vertikale Verantwortlichkeits- und Repräsentationsbeziehungen, die einen Raum des Urteilens eröffnen. Habermas schwebte bekanntlich eher eine horizontale, zivilgesellschaftlich gespeiste Sphäre der freien Diskussion vor. Wobei wir heute sehen, dass die Zivilgesellschaft Umfragen längst auch nutzt, um ihre Themen auf die Agenda zu setzen.
Wie wurde die Einführung der Meinungsforschung in Frankreich diskutiert?
In Frankreich spielte die Meinungsforschung politisch zunächst keine große Rolle. Das änderte sich erst mit der Fünften Republik, die die bisher starke Rolle der Parteien und des Parlaments beschnitt. Damit öffnete sich ein Raum für neue Weisen, die Meinungsvielfalt im Land zu artikulieren. Und natürlich war die anfänglich sehr umstrittene Direktwahl des Präsidenten ab den 1960er Jahren auch eine Gelegenheit, bei der Umfragen medial sehr sichtbar wurden. Vor allem aber war in Frankreich die Meinungsforschung eng mit der Erfahrung verbunden, dass politische Ordnungen umkämpft und fragil bleiben. Nach dem Scheitern der Revolte von 1968 gab es die Ansicht, dass Meinungsumfragen dazu dienten, kritische politische Bewegungen zu bremsen und Ungleichheiten zu entpolitisieren. Im Zentrum stand dabei die individualisierende und nivellierende Wirkung der Umfragen sowie die Deutungshoheit der Eliten über die gestellten Fragen und ihre öffentliche Interpretation. Das verband sich, etwa bei Sartre oder Bourdieu, teils mit einer generelleren Kritik an der Abstraktheit der elektoralen Demokratie. Dieser hielt man andere, kollektivere oder organischere Formen politischer Teilhabe „von unten“ wie Demonstrationen, Streiks usw. entgegen. Die Verteidiger der Meinungsforschung verteidigten ihrerseits offensiv die Verwandtschaft der stichprobenbasierten Umfragen zur formalen Zählwertgleichheit demokratischer Wahlen.
Was sagt uns dieser Vergleich der unterschiedlichen Länderkontexte am Ende?
Der Vergleich zwischen den drei Ländern zeigt gut, wie derselben politischen Innovation in unterschiedlichen Kontexten jeweils ein eigener demokratischer Sinn gegeben wurde. Natürlich gibt es da viele länderspezifische Details. Auf einer anderen Ebene kann man das dann aber zugleich so deuten, dass dort jeweils bestimmte grundlegende Probleme der modernen Demokratie ganz besonders deutlich hervortraten und verhandelbar wurden – die Frage der Partizipation und Repräsentation in Amerika, die Frage der Aufklärung, Ideologie und Lernfähigkeit in Deutschland, und die Frage von Ordnung und Gleichheit in Frankreich. Das sind letztlich ja alles Dinge, die gleichermaßen zur Demokratie maßgeblich dazugehören. Und da lassen sich dann bei allen Unterschieden wiederum gewisse übergreifende Grundmuster rekonstruieren. Sowohl konservative als auch linke Kritiker*innen der Meinungsforschung gingen beispielsweise davon aus, dass das politische Meinen sozusagen ganzheitlich und dynamisch in bestimmte praktische Beziehungen eingebettet sein sollte. Ich nenne das die konfigurative Dimension von Politik. Eine technisch noch so gute Abbildung von Meinungen als Datenpunkte kann sie nicht ersetzen. Natürlich haben konservative Aristoteliker und postmarxistische Radikaldemokraten dann ganz unterschiedliche Ansichten, was das konkret für Gleichheit oder Repräsentation bedeutet. Aber wenn man von vornherein nur in Lehrbuch-Schubladen denkt, sieht man die gemeinsame Grundproblematik und das, was historisch neu an den Umfragen war, gar nicht richtig. Insofern ist mein Buch ein Plädoyer dafür, Politische Theorie im engen Kontakt mit den Phänomenen zu betreiben.
Eine andere Kritik lautet, dass Umfragen vorhandene Meinungen nicht nur unverfälscht messen, sondern Meinungen, Wahlentscheidungen und so letztlich auch Politik aktiv beeinflussen. Wie wurde dieser Vorwurf diskutiert und was ist an ihm dran?
Hier muss man zwei Ebenen unterscheiden. Rasch abhandeln lässt sich das Problem, dass Umfrageergebnisse tendenziös dargestellt oder manchmal manipuliert werden. All das gibt es: Sarkozy bestellte mit Geldern aus dem Elysée-Palast Umfragen für seine persönliche Wahlkampfführung, der Aufstieg von Sebastian Kurz in Österreich beruhte, wie wir heute wissen, auch darauf, dass manipulierte und an die Presse lancierte Umfragen ihn als unvermeidlichen Hoffnungsträger erscheinen ließen. Um solchen Auswüchsen vorzubeugen, gibt es aber das Strafrecht sowie Qualitätsstandards und Kodizes für Demoskop*innen und Presse. Wie so oft ist es eher ein Compliance-Problem.
Politikwissenschaftlich interessanter ist die Frage, ob es grundsätzlich angemessen ist, z.B. eine Wahlentscheidung an dem zu orientieren, was andere denken, und welche Einflüsse hier noch legitim sind. In fast allen Ländern ist es beispielsweise untersagt, direkt vor Wahllokalen Wahlwerbung zu machen. Denn die Wähler*innen, so nimmt man an, haben dann keine Chance mehr, wieder genug Abstand zu gewinnen, bevor sie ihr Kreuz machen. In derselben Logik ist es in manchen Ländern eben auch verboten, am Wahltag oder in den Tagen davor Umfragen zu veröffentlichen. Frankreich war hier in den 1970er Jahren Vorreiter. Empirisch ist damals wie heute nicht so ganz klar, wie Umfragen die Wahlentscheidung beeinflussen. Früher dachte man, es gehe vor allem um einen Mitläufereffekt, der die ungefestigte Wechselwählerschaft betrifft. Andere sagen, es werde vor allem die eigene Anhängerschaft mobilisiert. Der Forschungsstand bleibt hier aber uneindeutig. Die normativ interessantere Frage ist aber, wieviel Distanz bräuchte man denn? Und wozu genau soll diese gut sein? Schließlich ist Politik ja grundsätzlich immer auch ein Versuch, andere zu beeinflussen und zu überzeugen. Aber zugleich gibt es eben offenkundig die Intuition, dass dies in eine Balance gebracht werden muss mit bestimmten Bedingungen eines reflektierten autonomen Urteils. Ich denke, es geht in diesem Punkt daher weniger darum, dass man seine Meinung ganz allein bilden soll. Das wäre seltsam. Aber Umfragen sollten die Meinungsbildung nicht dominieren. Denn eine Sonntagsfrage allein liefert ja natürlich noch nicht die Gründe, warum jemand diese oder jene Wahl trifft. Und im Urteilen sollten wir uns ja schon mit solchen Gründen auseinandersetzen. Um das zu fördern, hilft es womöglich, die hypnotische Fixierung auf die Umfragen zeitweilig einzudämmen. Heute mag das alles überzogen erscheinen, weil wir mit den Sozialen Medien nochmal eine ganz neue Qualität problematischer Beeinflussung kennengelernt haben, die man regulieren muss. Aber die Grundfrage ist ähnlich.
Sie bezeichnen die Meinungsforschung als die für die Demokratie mit Abstand bedeutendste und folgenreichste Innovation des 20. Jahrhunderts. Haben ein paar Umfragen, die zwischen Wahlen erscheinen, tatsächlich so viel verändert?
Mit Blick auf die Demokratie waren die politischen Parteien als intermediäre Organisationen, die Repräsentation, Wettbewerb und Verantwortlichkeit strukturierten, einst die große Neuerung des 19. Jahrhunderts. Die Meinungsforschung hat im 20. Jahrhundert dann ihrerseits die Art und Weise radikal verändert, wie wir uns die öffentliche Meinung vorstellen – nämlich nunmehr als einen ortlosen, abstrakten Strom aus aggregierten, anonymen Einzelmeinungen – und wie mit diesen Meinungen interagiert wird. Demoskopie hat die Individualisierung der Repräsentation und die Ausrichtung an kleinteiligen fluiden Zielgruppen genauso möglich gemacht wie den vielbeklagten permanenten Wahlkampf. Politiker*innen betrachten heute jede ihrer Handlungen im verwissenschaftlichten Rückspiegel dieses Datenstroms und nutzen ihn zugleich, um proaktiv Themen auszuwählen und zu framen. Und es werden natürlich viel mehr Umfragen durchgeführt als die, die veröffentlicht werden. Mir fällt keine andere Innovation ein, die so nachhaltige Implikationen für das Funktionieren der Demokratie hatte.
Wenn Sie ein Fazit ziehen: Helfen oder schaden politische Meinungsumfragen der Demokratie?
Wie sicher schon anklang, finde ich nicht alles großartig daran. Zugleich ist ihr Erfolg aber nicht, wie es in der kritischen Literatur manchmal klingt, nur das Ergebnis einer Art von Verschwörung. Sondern Meinungsforschung antwortete auf reale Probleme, etwa, wie zwischen Wahlen Responsivität organisiert oder Gleichheit institutionalisiert werden kann. Das muss man ernstnehmen. Man sollte daher versuchen, eine kluge Balance zu finden, also die sinnvollen Verwendungsweisen der Demoskopie stärken und die weniger sinnvollen begrenzen.
Was heißt das konkret? Welche Umfragen sind unproblematisch und auf welche sollte man im Sinne einer aufgeklärten demokratischen Öffentlichkeit besser verzichten?
Ich nenne nur zwei Beispiele. Umfragen können demokratisch hilfreich sein, um zu bestimmten Policy-Fragen die Ansichten von Bevölkerungsgruppen kennenzulernen, denen die Ressourcen fehlen, um sich aus eigener Initiative Gehör zu verschaffen, oder die in einer bestehenden Diskurslandschaft keinen richtigen Platz finden. Unsinnig finde ich dagegen diese persönlichen Beliebtheitsrankings einzelner Politiker*innen, wo dann referiert wird, wer sich um einen Platz verbessern konnte oder zurückgefallen ist usw. Über die demokratische Repräsentationsbeziehung sagt das wenig aus, weil gar nicht klar ist, worauf sich die diffuse Beliebtheit bezieht und was sie politisch bedeutet. Da geht es eher darum, Eitelkeiten zu befriedigen. Umso mehr, wenn es sich um Systeme handelt, in denen diese Personen nicht individuell zu Wahl stehen. In Frankreich werden ja sogar laufend die Beliebtheitswerte der Präsidentengattin erhoben; das mag zum politisch-medialen Spiel dazugehören, hat aber mit Demokratie erstmal wenig zu tun.
Wir leben in einer medialen Öffentlichkeit, die von den neuesten Zahlen gar nicht genug bekommen kann. Hinzu kommt, dass stabile Parteibindungen zurückgehen und die Zahl von Wechselwähler*innen wächst. Sind Wahlumfragen unter diesen Bedingungen heute mächtiger denn je?
Ja und nein. Sie sind in der Tat längst kein bloßes technisches Hilfsmittel mehr, um den Puls der Demokratie genauer zu tasten, sondern omnipräsenter Treibstoff und Rauschmittel der politischen Welt. Allerdings gibt es auch mächtige Gegentendenzen. Die derzeit einflussreichste Alternative zur Demoskopie ist aber leider keine lebendigere oder egalitärere Praxis öffentlichen Meinens, sondern ein autoritärer Populismus, der einfach behauptet, eh im Namen des wahren Volks zu sprechen. Demgegenüber wohnt der Demoskopie, wie einst schon Adorno sagte, immerhin eine gewisse minimale demokratische Rationalität inne.
Vielen Dank für das Gespräch!
„Meinungsforschung und Demokratie Einfluss, Kritik und Wandel von Umfragen im politischen Diskurs“ von Michel Dormal ist 2025 im Barbara Budrich Verlag erschienen.
