/ 12.06.2013
Horst W. Opaschowski
Wir! Warum Ichlinge keine Zukunft mehr haben
Hamburg: Murmann 2010; 221 S.; 19,90 €; ISBN 978-3-86774-104-0Der Leiter der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen legt mit diesem Band neben vereinzelten biografischen Betrachtungen seine Einschätzungen zum gegenwärtigen Wertewandel in der Gesellschaft vor. Nach seiner Ansicht ist der egozentrische und letztlich gesellschaftsfeindliche Zeitgeist der 80er und 90er an sein Ende gekommen: „Die Wiederentdeckung des Menschen als soziales Wesen ist doch nur die zwangsläufige Folge der […] Wohlstandsverwahrlosung, die sich in der Unverbindlichkeit der sozialen Beziehungen bemerkbar machte“ (42). Die Feier des Individuums, idealerweise als hart arbeitender und konsumierender Single, habe zur Erosion wichtiger gesellschaftlicher Institutionen und Netzwerke geführt, aber auch das Klima der Arbeitswelt unter dem zunehmenden Druck der Konkurrenz negativ beeinflusst. Etwa zeitgleich mit den Anschlägen vom 11. September 2001 sieht der Autor einen Wertewandel einsetzen. Umfragen zeigen, führt er aus, dass sich Wohlstand in den Augen der Deutschen vermehrt an persönlichen Beziehungen, nicht am Einkommen bemesse, die Familie und Freunde, aber auch die eigene Entfaltung in freier Zeit Jahr für Jahr wichtiger würden. Die Arbeitswelt werde sich in den kommenden drei Jahrzehnten radikal wandeln, prognostiziert der Autor. „Kreativ im Kollektiv“ (145) ist Opaschowskis Kredo, mit Amitai Etzioni erwartet er eine New Economy des Miteinanders und der flachen Hierarchien. Und – diesem Aspekt räumt er breiten Raum ein – „die Arbeitswelt wird weiblicher“ (147). Ohne den Begriff der Quote zu verwenden, ist der Autor überzeugt, dass schon bald vermehrt über die Benachteiligung junger Männer diskutiert werden wird. Bis 2030 prognostiziert er, dass 30 Prozent der Führungskräfte Frauen sein werden. Opaschowski konstatiert, dass „der Kernbereich der institutionellen Politik immer kleiner wird, weil die reale Politik zunehmend im Informellen stattfindet“ (192). Da die Bundesbürger den Parteien zunehmend den Rücken kehren, aber auch der Politik als solcher weniger vertrauen, erwartet er zukünftig „mehr Volksentscheide und mehr Selbsthilfe“ (189).
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.35
Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Horst W. Opaschowski: Wir! Hamburg: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14475-wir_39331, veröffentlicht am 11.01.2011.
Buch-Nr.: 39331
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Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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