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/ 23.01.2014
Jörg Armbruster

Brennpunkt Nahost. Die Zerstörung Syriens und das Versagen des Westens

Frankfurt a. M.: Westend Verlag 2013; 219 S.; 17,99 €; ISBN 978-3-86489-037-6
Jörg Armbruster, der als Korrespondent der ARD am Karfreitag 2013 in Aleppo während einer Recherchereise durch einen Heckenschützen schwer verletzt wurde, liefert mit seinem Buch spannende und differenzierte Einsichten in einen Konflikt, dessen nationale wie internationale Verflechtungen kaum noch zu durchschauen sind. Er reichert diese große Reportage um viele wichtige Detailinformationen zu Personenkonstellationen, Geografie und Zeitabläufen an. Präsentiert werden Ansichten und Einblicke wie die eines norwegischen Offiziers der UN‑Mission, der die Hilflosigkeit der eigenen Mission beklagt und sich „von dem syrischen Regime missbraucht“ (41) fühlt. Oder die Klagen zahlloser ziviler Beteiligter in Aleppo, „unglücklicher Menschen“, die nichts anderes als das Ende des Krieges herbeisehnen: „Die sollen mit dem Krieg aufhören“ (45). Mit „die“ sind dabei sowohl die Truppen Assads als auch die Rebellen gemeint – beide scheinen in der Zivilbevölkerung keine Lobby zu haben. Gelinge es dem Westen nicht, dem Wunsch der Zivilbevölkerung nachzukommen und die Lage in Syrien zu befrieden, dann werde sich die aktuelle politische und militärische Nachlässigkeit wegen der nachhaltigen Destabilisierung der Region kurz‑ bis mittelfristig bemerkbar machen. Denn neben Assad selbst, der unbedingt an der Macht bleiben wolle, hätten auch die Regierungen Irans und Russlands sowie die Hisbollah ein gesteigertes Interesse, sich zumindest im südlichen Syrien – und also in unmittelbarer Nachbarschaft zu Israel – fest zu etablieren. Dies wiederum riefe dann notwendig wieder die westlichen Staaten auf den Plan, die ihrerseits für die Sicherheit Israels bürgten: „Eine solche Konzentration von Macht, Miliz und Militär vor der Haustür Israels und anderer verbündeter Staaten wird der Westen nicht hinnehmen, fast zwangsläufig muss er im Falle eines Falles militärisch eingreifen.“ (191 f.) – Dabei liegt der gegenwärtig mögliche Gegenentwurf zu einer solchen Eskalation für Armbruster durchaus im Bereich des Möglichen: die Einrichtung eines Runden Tisches. Dieser erscheint gerade angesichts der möglichen weiteren Eskalation des Konflikts als nachgerade alternativlos. Das spannend geschriebene Buch ist eine empfehlenswerte Lektüre für all diejenigen, die mehr über die Lage in Syrien wissen und die Zusammenhänge verstehen wollen.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.632.254.22 Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Jörg Armbruster: Brennpunkt Nahost. Frankfurt a. M.: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36632-brennpunkt-nahost_43907, veröffentlicht am 23.01.2014. Buch-Nr.: 43907 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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