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/ 21.06.2013
Stephan Scheuzger

Der Andere in der ideologischen Vorstellungskraft. Die Linke und die indigene Frage in Mexiko

Frankfurt a. M.: Vervuert Verlag 2009 (Editionen der Iberoamericana: Serie C, Geschichte und Gesellschaft 12); 889 S.; 80,- €; ISBN 978-3-86527-421-2
Diss. Bern; Gutachter: W. L. Bernecker. – „Oder ist es etwa ein Unglück, dass das herrliche Kalifornien den faulen Mexikanern entrissen ist, die nichts damit zu machen wussten?“ (41) zitiert der Autor Friedrich Engels und illustriert damit den weiten Weg, den die Linke in ihrer Wahrnehmung der Indigenen im 19. Jahrhundert vor sich hatte – und den vielleicht erst die Zapatisten der Gegenwart zu Ende gegangen sind. Deren Subcomandante Marcos habe allerdings bekannt, so Scheuzger, dass man die Indigenen anfangs (wieder) nur als bäuerliche ausgebeutete Bevölkerung wahrgenommen habe und nicht in ihrer kulturellen Eigentümlichkeit. Diesen weiten Weg der marxistisch und anarchistisch geprägten Linken quer durch die mexikanische Geschichte erzählt Scheuzger chronologisch geordnet und sehr ausführlich, unter Hinweisen auf die Einflüsse der ideologischen Vorbeter in Moskau und der politisch aktiven Einwanderer aus Europa. Nicht unerwähnt bleibt der Vorwurf an die Sozialisten und Kommunisten, „sie würden fremdes, unmexikanisches – unlateinamerikanisches – Gedankengut einführen. [...] Sozialismus und Kommunismus [...] würden künstlich lateinamerikanischen Realitäten aufgepfropft; die importierten europäischen Ideologien seien außerstande, diese Wirklichkeiten zu erklären, und könnten folglich auch keine Beiträge zur Lösung der sozialen Probleme lösen“ (276). Dieser Vorwurf wird nicht entkräftet. Scheuzger arbeitet immer wieder heraus, wie stark – nicht nur – die Linke vom europäischen Zeitgeist abhängig war. Der Rückbezug auf die indigene Bevölkerung im unabhängig gewordenen Mexiko erfolgte aus legitimierenden Gründen, die Menschen selbst aber sollten sich – mit Blick auf die Modernisierung des Landes – den Weißen anpassen. Die mexikanische Linke habe das „marxistische[.] Reservoir nutzbarer theoretischer Reflexionen“ kaum genutzt und sich die indigene Bevölkerung „nur schwer als Nationalitäten vorstellen“ (781) können, so das Fazit. Es bleibt der Eindruck, dass die Indigenen nur in einer Hinsicht das Interesse der Linken tatsächlich wecken konnten: Die gemeinschaftliche Bodenbewirtschaftung in vorspanischer Zeit ließ sich als eine Art Urkommunismus (um-)interpretieren.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.652.22 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Stephan Scheuzger: Der Andere in der ideologischen Vorstellungskraft. Frankfurt a. M.: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31284-der-andere-in-der-ideologischen-vorstellungskraft_37227, veröffentlicht am 18.12.2009. Buch-Nr.: 37227 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA