/ 18.06.2013
Egon Bahr
Der deutsche Weg. Selbstverständlich und normal
München: Karl Blessing Verlag 2003; 158 S.; geb., 12,- €; ISBN 3-89667-244-4Schonungslos und nüchtern analysiert Bahr in diesem anregenden Essay die Handlungsoptionen für Deutschland und Europa im Zeitalter der amerikanischen Dominanz. Amerika sieht er gleichzeitig als Ordnungsmacht und Machtkonkurrenz. Er plädiert dafür, die Realitäten anzuerkennen und die eigenen Stärken weiterzuentwickeln. Moralisierende Bewertungen der amerikanischen Außenpolitik oder gar Antiamerikanismus hält er für dumm. Deutschland empfiehlt er, ein eigenes Profil zu gewinnen. „Es ist an der Zeit, die Scheu vor dem deutschen Weg generell zu verlieren." (138) Dies hat jedoch nichts mit einer Hinwendung zur Vergangenheit zu tun. Für Bahr liegt Deutschlands Zukunft in der europäischen Integration. Ihr und vor allem dem europäischen Verhältnis zur einzigen übrig gebliebenen Supermacht sind die interessantesten Passagen des Essays gewidmet. Bahr erkennt klar, dass Europa den USA machtpolitisch und damit auch im Hinblick auf mögliche Handlungsoptionen bei weitem unterlegen ist. Die Konsequenz daraus könne für Europa jedoch nur heißen, sein Gesellschaftsmodell zu stärken und weiterzuentwickeln, ohne sich als Gegner Amerikas aufzubauen. Beide könnten sehr gut nebeneinander existieren. Trotzdem bleibt Amerika das Maß für die europäische Handlungsfähigkeit: Europa wird seine Selbstbestimmung nur im Verhältnis zu Amerika definieren können. Dabei muss es seinen Prinzipien treu bleiben und es muss ihm gelingen, Osteuropa zu integrieren. Eben diese „Europäische Wiedervereinigung" wird nach Bahrs Meinung „darüber entscheiden, in welchem Umfang die ‚Europäisierung' Europas gelingt" (89) und es seine eigenständige Handlungsfähigkeit bewahren kann. „Europa steht vor einer nicht erklärten, aber faktischen Herausforderung durch Amerika. Die Herausforderung richtet sich gegen die europäische Selbstbestimmung." (111) Bahr fordert zwar eine vollständig integrierte europäische Verteidigung, aber deren Ziel kann es für ihn nicht sein, mit den Amerikanern gleichzuziehen. Vielmehr sieht Bahr Europas Chance vor allem darin, seine Wirtschaftskraft zu stärken. Dazu fordert er erhebliche Anstrengungen der Europäer. Ziel muss es sein, eine Vision für ein Europa zu entwickeln und umzusetzen, „das neben und nicht gegen Amerika Arbeitsteilung und Partnerschaft praktiziert" (152).
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 4.21 | 4.22 | 3.6
Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Egon Bahr: Der deutsche Weg. München: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/19536-der-deutsche-weg_22722, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 22722
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M. A., Politikwissenschaftler.
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