Skip to main content
/ 03.06.2013
Robert Wuthnow

Der Wandel der religiösen Landschaft in den USA seit dem zweiten Weltkrieg. Aus dem Amerikanischen von Karen Anke Braun, Sonja L. Kais-Heinrich und Gerhard Wegner

Würzburg: Ergon Verlag 1996 (Religion in der Gesellschaft 2); 377 S.; brosch., 48,- DM; ISBN 3-932004-05-1
"In Amerika interagieren Religion und Politik auf vielfältige Weise miteinander" (Buchinfo). Die religiöse Szene Amerikas scheint heute in viele gesellschaftliche und/oder politische Streitfragen verwickelt zu sein (etwa Abtreibung, militärische Präsenz der USA im Ausland), ohne eine einheitliche Stellungnahme abgeben zu können. Es existieren offensichtlich verschiedene Fraktionen mit konträren Standpunkten (14). Wuthnow versucht, die Wechselwirkungen zwischen Kirche und Staat in der amerikanischen Geschichte und Gegenwart zu analysieren sowie Bestimmungsgründe etwaiger Veränderungen aufzuzeigen. In diesem äußerst spannenden Werk, das keinen Aspekt der für die USA so bedeutsamen Beziehung zwischen Religion und Politik ausläßt, fehlen weder "Religiöse Rechte" noch "Civil Religion". U. a. wird deutlich, daß im Gegensatz zu früheren Zeiten die Zugehörigkeit zu einer Konfession oder Denomination nicht mehr einzig bestimmend für den Einzelnen ist; mehr und mehr scheint statt dessen eine Kluft zwischen Fundamentalisten und Nicht-Fundamentalisten zu existieren (187 ff.). Der Autor veranschaulicht, daß Religion für die meisten Bürger Amerikas immer noch Bedeutung hat, Unterschiede existieren hinsichtlich des Grades. So stellen z. B. College-Absolventen das Gebot der Nächstenliebe dreimal so häufig über das Gebot der Liebe zu Gott wie Nichtakademiker (193), d. h. erstere begreifen Religion in einem eher weltanschaulich-überkonfessionellen Sinne. Im Hinblick auf die Beziehung zwischen Religion und Politik besagt eine der Erkenntnisse dieser Arbeit, "[e]ine eingehendere Untersuchung der Beziehung zwischen politischen Orientierungen und politischem Engagement bei Mitgliedern von Kirchen und anderen religiösen Organisationen [ließe ...] erkennen, daß seit den späten sechziger Jahren die Gläubigen fast ausschließlich bei solchen Themen aktiv wurden, die befürchten ließen, daß die Staatsmacht zu umfassend werde" (361). Dieses Verhaltensmuster sei auch in den achtziger Jahren erhalten geblieben; es werden u. a. die Frage der Abtreibung, der Wohlfahrtsprogramme oder der verfassungsändernde Beschluß zur Gleichberechtigung genannt, allesamt Beispiele, in denen nach Meinung im weitesten Sinne konservativer Kirchgänger der Staat zu viele Befugnisse hat (362). Als Erklärung führt Wuthnow den Machtverlust an, den religiöse Organisationen durch das Vordringen des Staates in soziale Dienste hinnehmen mußten, die vor 1945 zum Großteil vor allem in den Händen von Kirchen lagen (363). Inhalt: 1. Die Frage des Wandels; 2. Erbe und Vision: Ein Glaubensvermächtnis; Institutionelle Ressourcen; Schrittweises Wachstum; Stärken und Schwächen. 3. Eine Vision von Zuversicht und Unheil: Expansionsstimmung; Eine Zeit der Neuanfänge; Verhängnisvolle Aussichten; Eine Grundlage für religiösen Aktivismus; Das Problem Götzendienst. 4. Gewissen und Überzeugung im öffentlichen Leben: Eine Gemeinschaft einzelner; Eine Wertekultur; Zwiespältige Punkte; Einfluß auf die Öffentlichkeit; Die Rolle der Bildung. 5. Die nachlassende Bedeutung des Konfessionalismus: Satanische Ideologien; Zusammenschlüsse und Konfessionszugehörigkeiten; Die Ursachen des Konfessionalismus verlagern sich; Konfessionsübertritte; Einstellungen gegenüber Konfessionen; Konfessionen als organisatorische Wirklichkeiten. 6. Das Wachstum von Interessengruppen: Eine amerikanische Tradition; Viel und vielfältig; Ursachen des Wachstums; Die Beteiligung der Öffentlichkeit; Auswirkungen auf den Sozialcharakter der amerikanischen Religion. 7. Die große Kluft: auf dem Weg zu einer religiösen Neuausrichtung: Das fundamentalistische/modernistische Erbe; Ein Mittelweg wird gebahnt; Unruhige Jahre; Die Folgen des gesellschaftlichen Wandels; Konsolidierung und tiefer werdende Kluft. 8. Die Mobilmachung der Renten: Eine nationale Bewegung wird organisiert; Stilles Wachstum; Der Linksruck; Der Triumph neuer Stimmen; Symbolische Kriegsführung. 9. Die Spannungen werden geschürt: Über die Kluft hinweg; Konfessionalismus (noch einmal); Streitpunkte; Feminismus und Ordination; Die umfassende Rolle der Politik. 10. Civil religion: ein zweifaches Hoch auf Amerika: Das Legitimationsproblem; Ein Volk unter Gott; Freiheit und Gerechtigkeit für alle; Entscheidungsfreiheit; Amerika ist die "Nummer Eins". 11. Von der civil religion zur technologischen Legitimität: Isolationsbestrebungen und milde Euphorie; Eine unsichere Hegemonie; Angezweifelte Glaubwürdigkeit; Revidierte Freiheit; Klagelieder und Apokalypse; Technologie als Mythos; Objektiver als Gott; Der Pfad zur Freiheit; Ewige Leidenschaft, ewiges Verbrechen. 12. Der Wandel im Kontext: Politik und Glaube: Entwicklungsmuster; Historische Vergleiche; Der Wandel im amerikanischen Kontext; Politik und Glaube.
Petra Beckmann-Schulz (Bm)
Dr., Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.642.23 Empfohlene Zitierweise: Petra Beckmann-Schulz, Rezension zu: Robert Wuthnow: Der Wandel der religiösen Landschaft in den USA seit dem zweiten Weltkrieg. Würzburg: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/2227-der-wandel-der-religioesen-landschaft-in-den-usa-seit-dem-zweiten-weltkrieg_2710, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 2710 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA