/ 22.06.2013
Michael Herkendell
Deutschland. Zivil- oder Friedensmacht? Außen- und sicherheitspolitische Orientierung der SPD im Wandel (1982-2007)
Bonn: Verlag J. H. W. Dietz Nachfolger 2012 (Politik- und Gesellschaftsgeschichte 92); 301 S.; hardc., 39,90 €; ISBN 978-3-8012-4208-4Diss. Bochum; Begutachtung: S. Goch. – Herkendell spannt seine Analyse der außen- und sicherheitspolitischen Orientierung der SPD in der Zeit vom Ende der sozialliberalen Regierungskoalition 1982 bis zur Verabschiedung des neuen Grundsatzprogramms 2007 zwischen zwei Konzepten auf: Mit dem der Zivilmacht wird, vor allem in Anlehnung an Maull und Kirste, eine Orientierung beschrieben, bei der Normen und Werte im Mittelpunkt stehen. Ausgerichtet sind diese an „‚einer Zivilisierung der internationalen Beziehungen’“ (23). Bei dem zweiten Konzept, dem Leitbild einer Friedensmacht, „handelt es sich in einem gewissen Sine um eine Zivilmacht mit militärischen Mitteln“ (25). Herkendell zeichnet damit weniger eine Evolution der außenpolitischen Orientierung nach, sondern arbeitet deren Veränderungen scharfkantiger und an Gegensätzen festgemacht heraus. Bereits in der Darstellung der Vorgeschichte zeigen sich allerdings die Implikationen dieser Herangehensweise. So werden die pazifistischen Strömungen in der SPD der Nachkriegszeit und die Absicht, ein kollektives System der Sicherheit anzustreben, nicht als mögliche Konsequenzen der historischen Erfahrungen und als bedenkenswerte Alternative reflektiert, sondern schlicht als „aufgrund der weltpolitischen Lage anachronistisches System“ (49) abgetan. Entsprechend dünn ist dann auch die Aufbereitung der Verleihung des Friedensnobelpreises 1971 an Willy Brandt – immerhin vergeben als „Zeichen für die internationale Wertschätzung“ (64) für seine Versöhnungspolitik gegenüber Osteuropa. Auch die Hand, die die SPD dem Reformer Gorbatschow reichte, wird nicht gewürdigt, jener sei nur ein Getriebener gewesen, der versucht habe, „aus seiner Situation das Beste zu machen“ (93) – und mit dem immerhin, aber das wird an dieser Stelle nicht erwähnt, Bundeskanzler Kohl (CDU) sogar in die Sauna ging. Es bleibt im Fortgang der Untersuchung bei diesem Tenor, vor allem dem linken Flügel der SPD wird bescheinigt, zu lange pazifistischen Vorstellungen nachgehangen zu haben. Erst Bundeskanzler Gerhard Schröder habe mit seiner Befürwortung eines Einsatzes deutscher Soldaten in Afghanistan 2001 den richtigen realpolitischen Blick bewiesen, aber auch „keine andere Wahl“ (213) gehabt, um in diesem Themenfeld außen- wie innenpolitisch zu bestehen. Es ist bedauerlich, dass Herkendell Fragen wie die, „ob der Einsatz von Soldaten bei der Bekämpfung des Terrorismus überhaupt zielführend ist“ (214), nicht einmal im Ansatz auslotet. Und es ist anmaßend, der SPD einen schulmeisterlichen Ton und „Schaufensterpolitik“ (276) vorzuwerfen, ohne dies nachvollziehbar belegen zu können.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.331 | 4.22 | 2.313 | 2.315
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Michael Herkendell: Deutschland. Zivil- oder Friedensmacht? Bonn: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35285-deutschland-zivil--oder-friedensmacht_42500, veröffentlicht am 20.09.2012.
Buch-Nr.: 42500
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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