/ 04.07.2013
Dominik Tolksdorf
Die EU und Bosnien-Herzegowina. Außenpolitik auf der Suche nach Kohärenz
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2012 (Münchner Beiträge zur europäischen Einigung 23); 379 S.; brosch., 64,- €; ISBN 978-3-8329-7408-4Politikwiss. Diss. LMU München; Begutachtung: W. Weidenfeld, M.‑J. Calic. – „Ist die EU aufgrund ihres strukturellen Gefüges grundsätzlich dazu fähig, als strategischer und kohärenter außenpolitischer Akteur aufzutreten?“ (23) Anhand der Förderung des Staatsbildungs‑ und des Mitgliedstaatsbildungsprozesses Bosnien‑Herzegowinas durch die Europäische Union geht Dominik Tolksdorf dieser Frage nach. Äußerst gründlich baut er dabei seine Arbeit auf. Nach einer detaillierten Einführung in die Begriffe Strategie und Kohärenz und der Erläuterung des Analyserahmens wird die EU als außenpolitischer Akteur vorgestellt. Auch wenn Tolksdorf die EU für „per se außenpolitisch handlungsfähig“ (102) hält, sieht er ein Problem im „Nichtvorhandensein einer Struktur, die allein für die Gewährleistung von Kohärenz in den EU‑Außenbeziehungen zuständig ist. Es besteht bis heute kein umfassendes Konzept mit flexiblen Mechanismen und Verfahren für die interne Koordinierung und für die Vernetzung der Akteure und Instrumente“ (103). Besonders interessant aus politikwissenschaftlicher Sicht ist die Gleichzeitigkeit von Staatsbildung und EU‑Integration in Bosnien‑Herzegowina, in deren Spannungsfeld die EU‑Bosnienpolitik steht. Obwohl beide international unterstützten Prozesse der Stabilisierung und Friedenskonsolidierung dienen, verfolgen sie divergierende Ansätze: Während zur Förderung der Staatsbildung im Sinne des Abkommens von Dayton eher interventionistisch vorgegangen wird, ist der Stabilisierungs‑ und Assoziierungsprozess der EU auf Eigenverantwortung ausgerichtet: „Anstatt als passive Empfänger sollen die lokalen Politiker und Behörden als aktive Gestalter handeln“ (116). Das konkrete Vorgehen der EU in Bosnien von 2002 bis 2008 untersucht Tolksdorf in drei Fallstudien. Wiederkehrend sind dabei die auftauchenden Probleme: Unterschiede zwischen Theorie und Praxis, Koordinierungsschwierigkeiten, intra‑organisationale Kompetenzstreitigkeiten und Konflikte hinsichtlich der unterschiedlichen Prinzipien von Eigenverantwortlichkeit und Interventionismus. Auch wenn es der EU zumeist gelingt, nach außen kohärent aufzutreten, behält sie die inhaltliche Kohärenz des politischen Handelns nicht immer bei. „Insgesamt hat die EU bei der Unterstützung von Reformvorhaben in Bosnien eine wenig kohärente Politik verfolgt“, was für Tolksdorf den Eindruck erweckt, „dass Bosnien für die EU ein [außenpolitisches] ,Testfeld‘ […] war“ (347). Er empfiehlt, dass die Eigenverantwortung im Land weiter gestärkt wird und insbesondere die Verfassungsreform ein Hauptanliegen der EU‑Bosnienpolitik bleiben sollte, „[u]nabhängig von bestehenden Diskussionen um die Wirtschafts‑ und Finanzkrise innerhalb der EU“ (350).
Simone Winkens (SWI)
M. A., Politikwissenschaftlerin, Online-Redakteurin.
Rubrizierung: 3.6 | 4.41 | 2.61
Empfohlene Zitierweise: Simone Winkens, Rezension zu: Dominik Tolksdorf: Die EU und Bosnien-Herzegowina. Baden-Baden: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35909-die-eu-und-bosnien-herzegowina_43649, veröffentlicht am 04.07.2013.
Buch-Nr.: 43649
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M. A., Politikwissenschaftlerin, Online-Redakteurin.
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