/ 17.06.2013
Siegwart-Horst Günther / Burchard Brentjes
Die Kurden. Ein Abriß zur Geschichte und Erfahrungsberichte zur aktuellen humanitären Situation
Wien: Braumüller 2001 (Ethnos 59); XII, 180 S.; kart., 29,- €; ISBN 3-7003-1351-9Die Kurden sind die größte Volksgruppe der Welt, die ohne jegliches Recht auf Selbstbestimmung ihr Dasein fristet. Ihr Schicksal rückt mit den rasch wechselnden Aufmerksamkeitszyklen der Medien nur selten in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Entsprechend wenig ist über die Geschichte und das aktuelle Schicksal von rund 30 Millionen Menschen (von denen ca. eine halbe Million als Flüchtlinge in Deutschland leben) bekannt. Die in den letzten Jahren verschiedentlich erschienenen Publikationen zur Kurden-Problematik können an diesem Befund kaum etwas ändern, da sie in der Regel nur einem kleinen Kreis von Forschern und Aktivisten bekannt sind. Die Anlage dieser Studie eignet sich grundsätzlich, um dem Thema ein größeres Publikum zuzuführen. Unter historischen, geographischen und politischen Aspekten werden zunächst Ursprung und Dimension des jahrhundertelangen Kampfes um Autonomie und einen eigenen Kurdenstaat dargestellt. Die Sympathien der Autoren gelten offen den kurdischen Interessen, dabei aber weniger den politischen Autonomiebestrebungen als vielmehr den tausendfach von vielen Seiten missachteten Minderheits- und Menschenrechten. Die Menschenrechtsverletzungen sind in der Literatur mittlerweile gut dokumentiert, sodass der analytische Wert des Buches durch eine durchgehende Belegung der angeführten Verbrechen am kurdischen Volk mittels entsprechender Quellen gesteigert werden könnte. Journalistische und humanitäre Erfahrungsberichte aus der Tätigkeit der Autoren in der Region vervollständigen die Ausführungen. Die humanitären Empfindungen angesichts einer pessimistischen Einschätzung möglicher Verbesserungen der Lage der Menschen sowie nachvollziehbare Frustration gegenüber den hier involvierten und ausgeübten Interessen der westlichen Industriestaaten trüben leider gelegentlich die Perspektive der Autoren. Problematisch ist die gelegentlich einseitig wirkende Darstellungsweise, die z. B. innerkurdischen Auseinandersetzungen und der auch durch kurdische Gruppen verübten Verbrechen zu wenig Platz einräumt. Feststellungen, dass sich "[n]ach Abzug der Besatzungstruppen [...] in der Bundesrepublik Deutschland noch immer keine richtige Demokratie" (146) hat entwickeln können, sind nicht zu akzeptieren. Im Kontext der Studie schaden entsprechende Extrempositionen dem zu unterstützenden Anliegen, die Lage der kurdischen Volksgruppe zu thematisieren und schließlich zu verbessern, sowie die in diesem Zusammenhang bestehende Verantwortung der deutschen Außen- und Innenpolitik hervorzuheben.
Inhaltsübersicht: A. Zum geschichtlichen Hintergrund: I. Jahrtausende der Unterdrückung und des Kampfes; II. Der "Kalte Krieg" und die Kurden; III. Die Kurden und die "Weltmacht". B. Journalistische und humanitäre Erfahrungsberichte: I. Die Kurden in den Gebieten der früheren UdSSR; II. Kurdische Siedlungen und Flüchtlinge im Iran; III. Zur Situation der Kurden in der Türkei; IV. Die Probleme um Öçalan; V. Die Lage der Kurden in Syrien; VI. Die Kurden im Irak; VII. Keine Perspektive für Südkurdistan; VIII. Die Entwicklung eines "Neuen Kurdistans" unter dem Schutz der UN; IX. Zur Situation der kurdischen Frauen; X. Kurdische Flüchtlinge in Zentral-Europa.
Thomas Henzschel (TH)
Dr., Auswärtiges Amt, Arbeitsstab Iran.
Rubrizierung: 4.42 | 2.63
Empfohlene Zitierweise: Thomas Henzschel, Rezension zu: Siegwart-Horst Günther / Burchard Brentjes: Die Kurden. Wien: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16267-die-kurden_18676, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 18676
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Dr., Auswärtiges Amt, Arbeitsstab Iran.
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