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/ 21.06.2013
Klaus Rehbein

Die westdeutsche Oder/Neiße-Debatte. Hintergründe, Prozeß und das Ende des Bonner Tabus

Berlin: Lit 2006 (Politik und Geschichte 6); 288 S.; brosch., 29,90 €; ISBN 978-3-8258-9340-8
Diss. Hannover. – Der parteipolitische und öffentliche Meinungswandel hinsichtlich einer Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als endgültige Ostgrenze Deutschlands habe sich während der sechziger Jahre in kleinen, manchmal fast unmerklichen Schritten vollzogen, schreibt der Autor. Noch in den fünfziger Jahren hätten Schumacher und Adenauer trotz ihrer ansonsten höchst unterschiedlichen Auffassungen unisono den Regierungsnotstand für den Fall prophezeit, dass eine Bundesregierung diese Grenze anerkenne. Absehen von den Überzeugungen einzelner Politiker benennt der Autor aber noch einen Grund dafür, dass diese Grenze tabuisiert und damit vorerst politisch unbearbeitet geblieben war: „Dem Wahlvolk traute man harte Wirklichkeiten nicht zu und verschwieg sie deshalb.” (218) Dies sei zulasten der Beziehungen zu Polen geschehen. Rehbein rekonstruiert den Meinungswandel, angestoßen von Politikern verschiedener Parteien und vor allem den Kirchen. In der SPD, deren Politik zur Oder-Neiße-Linie sich langsam geändert habe, sei eine Entfremdung zu den eigenen Politikern zu beobachten gewesen, die die Interessen der Vertriebenen vertreten hätten. Den Durchbruch in der Enttabuisierung der Grenzfrage habe dann Ende der sechziger Jahre Willy Brandt erzielt. Die CDU allerdings habe aus vornehmlich wahltaktischen Gründen bis zur Wiedervereinigung an der angeblichen Vorläufigkeit dieser Grenze festgehalten – obwohl östlich davon nun Polen und kaum noch Deutsche lebten. Der Analyse dieser Anerkennungsdebatte stellt Rehbein eine kurze Übersicht über den Ursprung des Grenzproblems und dessen Kopplung an die Curzon-Linie voran, die 1945 auf Betreiben Stalins die neue polnisch-sowjetische Grenze geworden war. Die damit verbundene Westverschiebung Polen sei aufgrund der Zugeständnisse, die die Westalliierten bereits 1943 Stalin gemacht hätten, kaum zu verhindern gewesen. Als Fazit sei festzustellen, dass jede Forderung nach einer Revision dieser neuen Grenze angesichts der damaligen sowjetischen Sicherheitsinteressen von Anfang an vergebens gewesen sei.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3132.354.212.331 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Klaus Rehbein: Die westdeutsche Oder/Neiße-Debatte. Berlin: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26187-die-westdeutsche-oderneisse-debatte_30476, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 30476 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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