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/ 21.06.2013
Karsten Stephan

Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. Zum Zusammenhang von kollektiver Identität und kollektiver Erinnerung

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2006 (Nomos Universitätsschriften: Geschichte 15); 305 S.; brosch., 49,- €; ISBN 978-3-8329-2071-5
Diss. Gießen; Gutachter: P. Schmidt, H. Weiss. – Der Autor untersucht die Reaktionen der Besucher auf die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ sowie ergänzend auf die Ausstellung „Aufstand des Gewissens“. In der Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung wurde der erhebliche Anteil der Wehrmacht am Vernichtungskrieg auf dem Balkan und in der Sowjetunion dargestellt. In der Ausstellung des Militärhistorischen Forschungsamtes Potsdam wurde der Widerstand gegen das NS-Regime innerhalb des Militärs thematisiert. Auf der Basis von drei Befragungen der Besucher in Frankfurt am Main, Dresden und Salzburg und aus verschiedenen theoretischen Blickwinkeln stellt der Autor Zusammenhänge zwischen der kollektiven Identität von Personen und deren Geschichtsbild vom Nationalsozialismus her. Vor allem die Ausstellung über den Vernichtungskrieg sei in ihrer ursprünglichen Form der Auslöser einer Debatte gewesen, in der sich klarer als zuvor die vorhandenen unterschiedlichen Definitionen des eigenen Kollektivs und dessen Geschichte offenbart hätten. Die Besucher selbst stellten allerdings keinen repräsentativen Ausschnitt der Bevölkerung dar, sondern gehörten in der Mehrheit der jüngeren Generation an, waren überdurchschnittlich gebildet und an Politik interessiert. Zeitzeugen des Nationalsozialismus waren unter den Besuchern dieser Ausstellung unterrepräsentiert und bei der Ausstellung über den Widerstand wesentlich häufiger anzutreffen. Die Befragungen ergaben, dass vor allem die westdeutschen Besucher die Ausstellung über die Wehrmacht umso negativer bewerteten, je stärker die Abwehr der Erinnerung und je stärker die Isolierung von Schuld ausfielen. Im Osten Deutschlands fiel die Bindung an das nationale Kollektiv insgesamt schwächer aus. Die Daten aus Salzburg zeigen, dass sich das Bedürfnis nach einer Entlastung des ehemaligen österreichischen Kollektivs – anders als in den deutschen Stichproben – nicht zu einem integrierten Geschichtsbild mit den beiden Konstrukten Abwehr der Erinnerung und Isolierung von Schuld zusammenfügt.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.352.232.4 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Karsten Stephan: Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg. Baden-Baden: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/26830-erinnerungen-an-den-zweiten-weltkrieg_31308, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 31308 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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