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/ 11.06.2013
Jürgen Roth

Gangsterwirtschaft. Wie uns die organisierte Kriminalität aufkauft

Frankfurt a. M.: Eichborn 2010; 302 S.; geb., 19,95 €; ISBN 978-3-8218-5680-3
Der Autor sieht in Europa, aber auch in Deutschland zunehmend eine „Kultur der Illegalität“ herrschen, die sich „wie Mehltau über eine lebendige demokratische Gesellschaft legt“ (7). Teile der Eliten in Wirtschaft und Politik würden sich vom Grundverständnis der demokratischen Gesellschaft entfernen und der kriminellen Logik der Mafia folgen. Mit Blick auf den Umfang und die Bedeutung krimineller Strukturen zitiert Roth das UN-Büro für Drogen- und Verbrechensbekämpfung in Wien mit der Aussage, dass im Jahr 2008 die „einzig verfügbaren Mittel für viele Banken“, die „bei ihnen deponierten Drogengelder“ (8) waren. Hinter diesen Entwicklungen stünden verantwortliche Personen, doch die Wirtschafts- und Politikwissenschaften würden diesen Entwicklungen mit ihren Theorien, nach denen der „Macht- und Herrschaftsapparat entsubjektiviert sei“ (9), noch Schützenhilfe leisten. Besonders problematisch beurteilt der Autor die „Mafia Borghese“ (32), darunter versteht er Anwälte, Politiker, Wirtschaftsprüfer etc. mit Verbindungen zur organisierten Kriminalität. Manche von Roths Ausführungen wirken zwar reichlich pauschal, doch sind seine zahlreichen Beispiele gut recherchiert und alles andere als harmlos. Als Beispiel können die Schilderungen des Autors zu den Interessenten an Opel gelten. Sie offenbaren erstaunliche personelle Verquickungen. Der russische Autokonzern GAZ gehört dem Oligarchen Oleg Deripaska, der beste Verbindungen zur russischen Unterwelt pflegt. Dessen Geschäftspraktiken kennzeichnet Roth mit den Begriffen „Gewalt, Korruption, Erpressung“ (60). Die Opel-Interessenten waren nun die russische Sberbank und Magna-International. Magnas Co-Chef Siegfried Wolf sitzt zudem im Aufsichtsrat von GAZ. So zitiert der Autor das „manager magazin“ mit der Vermutung, dass es bei dem Geschäft um einen politisch initiierten Techniktransfer gehen könnte. Dass diese politischen und vor allem ethischen Aspekte bei den Verhandlungen offenbar keine Rolle gespielt haben, empfindet Roth als Skandal. Der Autor fordert abschließend klarere Kriterien für unternehmerische Verantwortung sowie eine „Bürgerbewegung ‚Deutschland und Europa der Werte‘“ (266).
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 4.432.252.372.352.23 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Jürgen Roth: Gangsterwirtschaft. Frankfurt a. M.: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9663-gangsterwirtschaft_38727, veröffentlicht am 24.11.2010. Buch-Nr.: 38727 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA