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/ 21.06.2013
Peter Bofinger

Ist der Markt noch zu retten? Warum wir jetzt einen starken Staat brauchen

Berlin: Econ 2009; 255 S.; geb., 19,90 €; ISBN 978-3-430-30043-8
Der Wirtschaftsweise und Wissenschaftler Bofinger spricht sich explizit für eine nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik aus. Im Kontext der Finanzkrise sieht er zunehmend das Vertrauen in den Markt und die Legitimation nicht nur der Sozialen Marktwirtschaft schwinden. Dass die Krise bisher vergleichsweise glimpflich abgelaufen ist, führt der Autor auf die Senkung der Zinsen durch die Notenbanken auf fast null und die gewaltigen finanzpolitischen Investitionsprogramme zurück: „Es steht außer Zweifel, dass es heute ohne die massiven staatlichen Eingriffe kein funktionsfähiges Finanzsystem mehr gäbe“ (8). Und so wirft der Autor die Frage auf, ob es nicht jenseits der Krise die Entstaatlichung, also Privatisierung und Deregulierung, der letzten Jahre gewesen sein könnte, die für das System der Sozialen Markwirtschaft selbstzerstörerisch wirkt: Abbau der sozialen Sicherung, schrumpfende Mittelschicht, steigende Armutsquote und eine Entfremdung der Bürger gegenüber Markt und Staat seien die Symptome. Die Arbeitnehmer, so führt Bofinger aus, hätten über ein Jahrzehnt keine Reallohnsteigerungen erfahren und die Erfolge der Agenda 2010 seien ohne die gefährlich exportorientierte deutsche Wirtschaft und die Verschuldungsbereitschaft der Amerikaner kaum möglich gewesen. Die Staatsquote sei in Deutschland von 1999 bis 2008 stärker zurückgegangen als im OECD-Durchschnitt, rechnet man dies in Euro um, kritisiert der Autor, „könnte der Staat jährlich 105 Milliarden Euro mehr ausgeben“ (83). So plädiert Bofinger für eine neue Balance von Staat und Markt und eine deutliche Stärkung der Binnennachfrage. Das bedeutet für ihn stärkere Gewerkschaften und die Aufgabe des „Dogmas der zurückhaltenden Lohnpolitik“ (119). Die Bildungsausgaben müssten erhöht werden und zudem kritisiert er, die „Föderalismusreform I schafft die Bildungsplanung ab“ (138). Ein bedingungsloses Grundeinkommen erachtet Bofinger „als Sargnagel für den Sozialstaat“ (214). So plädiert der Autor für ein Zukunftsprogramm aus Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Umwelt, das er mit einer öffentlichen Neuverschuldung von 25 bis 35 Milliarden Euro für realisierbar hält.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.32.344.43 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Peter Bofinger: Ist der Markt noch zu retten? Berlin: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30532-ist-der-markt-noch-zu-retten_36252, veröffentlicht am 28.01.2010. Buch-Nr.: 36252 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA