/ 04.06.2013
Kai W. Dierke
Krieg und Ordnung. Eine Studie über regionale Kriege und regionale Ordnung am Beispiel des Nahen Ostens
Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 1996 (Europäische Hochschulschriften: Reihe XXXI, Politikwissenschaft 298); 285 S.; brosch., 84,- DM; ISBN 3-631-49800-4Diss. Fachbereich Sozialwiss. Göttingen; Erstgutachter: B. Tibi. – In seiner konzeptionell eng mit der Dissertation von Houben (siehe ABP 2/97: 709 f.) verwandten Studie geht es Dierke um eine auf den nahöstlichen Konfliktraum bezogene Weiterentwicklung der Forschung zu regionalen Kriegen jenseits der Erklärungsgrenzen von Middle East Studies einerseits und der Kriegsursachenforschung andererseits. In einem ersten Schritt legt er einen an Hedley Bull orientierten "neo-grotianischen Ansatz für die Analyse von Krieg und Ordnung" (81) vor. Dieser theoretische Ansatz wird in einem zweiten Schritt auf seine Erklärungskraft für die Entstehung von drei zentralen nahöstlichen Kriegen, dem Sechs-Tage-Krieg sowie den beiden Golfkriegen, getestet.
Zentrale These Dierkes ist, daß unter spezifischen regionalen Konstellationen Krieg weder systemische Notwendigkeit noch deviantes Verhalten darstellt, sondern die Fortführung der (Regional-)Politik mit militärischen Mitteln. Im Nahen Osten sind mit der unabgeschlossenen Staatswerdung und dem Fehlen einer tragfähigen politischen Ordnung die Voraussetzungen für den Waffeneinsatz zwecks Sicherung und Erlangung einer hegemonialen Position in der Region gegeben. Die Aggressionen Ägyptens (1967) und des Irak (1980 und neuerlich 1990) werden dementsprechend als – gescheiterte – Versuche interpretiert, innerhalb der arabischen Welt eine solche Hegemonialstellung zu erreichen. Jenseits der konkreten Anlässe für die Kampfhandlungen ist es die fortdauernde interarabische Konkurrenz, die regionale Kriege produziert und jeweils aufs neue die Nachkriegsordnung zu einer Vorkriegsordnung werden läßt.
Dementsprechend stellt für Dierke auch der israelisch-arabische Konflikt lediglich ein Vehikel des interarabischen Ringens um Hegemonie dar. Weshalb dann allerdings, wie der Verfasser suggeriert, von einer friedlichen Beilegung dieses Konflikts Anreize für eine Zivilisierung der interarabischen Konkurrenz ausgehen sollen, bleibt unverständlich. Mit der Vernachlässigung anderer bedeutender Konfliktpotentiale im Nahen Osten teilt die Arbeit die wenigen Schwächen der schon erwähnten Dissertation von Houben – ebenso wie sie deren Stärken (Verknüpfung von Theorie und Empirie, komparatistische Perspektive, innovativer Ansatz) teilt.
Inhaltsübersicht: Einleitung: Regionale Kriege im Nahen Osten und ihre Ursachen: Zum Stand der Forschung; I. Krieg und Ordnung im internationalen System: Versuch einer Konzeptualisierung; II. Der Sechs-Tage-Krieg 1967: Aufstieg und Fall der panarabischen Ordnung; III. Der Erste Golfkrieg 1980 - 1988: Auf der Suche nach einer irakozentrischen Ordnung; IV. Der Zweite Golfkrieg 1990/91: Ein 'Encore' für die irakozentrische Ordnung; Schlußbetrachtung: Zum Zusammenhang von regionalem Krieg und regionaler Ordnung.
Michael Edinger (ME)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
Rubrizierung: 4.41 | 2.63 | 4.5
Empfohlene Zitierweise: Michael Edinger, Rezension zu: Kai W. Dierke: Krieg und Ordnung. Frankfurt a. M. u. a.: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/3474-krieg-und-ordnung_4584, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 4584
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
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