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/ 18.06.2013
Peter Novick

Nach dem Holocaust. Der Umgang mit dem Massenmord. Aus dem Englischen von Irmela Arnsperger und Boike Rehbein

München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2003; 431 S.; 13,50 €; ISBN 3-423-30877-X
Der Holocaust symbolisiere als der einzige gemeinsame Nenner die Identität der US-amerikanischen Juden, schreibt Novick, emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Chicago und selbst Amerikaner jüdischen Glaubens. Diese Funktion als Symbol erkläre, warum sich das Holocaust-Bewusstsein in der amerikanischen Öffentlichkeit in einer ungewöhnlichen Chronologie entwickelt habe. Normalerweise werde ein besonderes Ereignis sofort aufgearbeitet, so seien beispielsweise die meisten Filme über den Krieg in Vietnam in zeitlicher Nähe zu dessen Ende gedreht worden. Die amerikanischen Juden dagegen seien in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ausdrücklich und stillschweigend bestrebt gewesen, die Bedeutung des Holocausts zu minimieren. Sie hätten keine Sonderrolle gewollt. Seit den Siebzigerjahren aber sei der Holocaust - angesichts des Fehlens anderer Gemeinsamkeiten - „ins Zentrum des eigenen Selbstverständnisses und der Selbstdarstellung" (9) der amerikanischen Juden gerückt und habe sich zu einem beziehungsreichen Symbol für alle Amerikaner entwickelt. Die nach Freud mögliche Erklärung, dass der Holocaust als Trauma empfunden und deshalb erst verdrängt worden sei, erscheint Novick nicht überzeugend. Zu wenige amerikanische Juden seien persönlich vom Holocaust bedroht gewesen. Novick verknüpft vielmehr - mit Hinweis auf Halbwachs - das kollektive Gedächtnis mit der kollektiven Identität und dessen Funktion. Der Opferstatus bringe über den symbolischen Gehalt für eine gemeinsame Identität hinaus erwünschte moralische Privilegien mit sich. Das Holocaust-Bewusstsein habe sich dann über die Medien erfolgreich verbreitet, weil sich die gesamte Bevölkerung so auf einen gemeinsamen moralischen Nenner habe einigen können. Novick ist sehr skeptisch, ob diese Entwicklung positiv zu bewerten sei, nicht nur hinsichtlich des daraus folgenden Schwarz-Weiß-Denkens im Israel/Palästina-Konflikt. Er findet es auch bedenklich, dass in Washington ein großartiges Holocaust-Museum existiere, aber kein Sklaverei-Museum. Die Erinnerung an den Holocaust sei für die Amerikaner eben „mühe- und kostenlos" (10) zu haben.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.642.23 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Peter Novick: Nach dem Holocaust. München: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17778-nach-dem-holocaust_20496, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 20496 Rezension drucken
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