/ 07.06.2013
Peter Mörtenböck / Helge Mooshammer
Occupy. Räume des Protests
Bielefeld: transcript Verlag 2012 (xtexte); 191 S.; kart., 18,80 €; ISBN 978-3-8376-2163-1Die Bilanz der Occupy‑Bewegung wirkt auf den ersten Blick ernüchternd: Die Strategie, „mit einer Inanspruchnahme demokratischer Grundrechte die Verantwortlichkeit des Staats herauszufordern“, ist in fast allen Ländern letztendlich durch „eine reaktionäre Gewalt“ (141) des Staates beendet worden, während sich zugleich die ökonomische Krise und die soziale Lage von Millionen von Menschen weiter zugespitzt haben. Peter Mörtenböck und Helge Mooshammer erzählen die Geschichte der Occupy‑Bewegung im Detail nach. Anders als die meisten Veröffentlichungen zum Thema interpretieren sie diese aber nicht nur als Revolte von Menschen mit Existenz‑ und Zukunftsängsten; vielmehr habe Occupy Fragen der politischen Ethik und der sinnvollen Lebensführung einen zentralen Platz eingeräumt. Es geht also nicht allein um das kurzfristige Erreichen ökonomischer und sozialer Zielsetzungen, „die Errungenschaft von Occupy“ liege darüber hinaus vor allem „in der Besetzung der Option auf Zukunft“ (159), heißt es im Schlusssatz des Buches. Um die längerfristigen Effekte der Occupy‑Bewegung hervorzuheben, greifen die Autoren auf das psychoanalytische Modell der „Nachträglichkeit“ zurück: „Jede Avantgarde‑Bewegung verarbeitet immer auch Spuren früherer Bewegungen, während sie bereits die Saat für die Traumata der Nachkommen legt“ (143) – somit könnten „die an einem bestimmten Ort, zu einer bestimmten Zeit gewonnenen Erfahrungen [...] den entscheidenden Schub in einer anders gelagerten Konstellation bringen“ (145). Die Occupy‑Aktivisten mussten an bestimmten Punkten erkennen, dass auch sie selbst Teil des Systems sind, gegen das sie protestierten: „Immer Schuldner und Schuldeneintreiber, Sklave und Meister zugleich“ (153). Das Ziel, ein nachhaltiges Leben über eine gleichermaßen nachhaltige Praxis des Widerstands zu erreichen, scheint somit ein nahezu unmögliches Projekt zu sein. Trotzdem liege „in der Erfahrung dieses Konflikts selbst das vielleicht wichtigste Projekt“ (154). Der Ausweg aus solchen Konflikten kann sich also nicht auf den reinen Protest beschränken; es gelte vielmehr, sich dem Zugriff durch das System zu entziehen und Prozesse der Subjektivierung in Gang zu setzen: „Die Nichtteilbarkeit unserer Subjektivität zu behaupten, artikuliert die radikalste Opposition zum Funktionieren eines spekulativen Systems“ (157 f.) – indem Occupy diesen Weg beschritten hat, stellt die Bewegung keinen zeitlich begrenzten Protestakt dar, sondern „ein stets andauernde[s] Projekt, das immer wieder aufs Neue begonnen werden muss“ (158).
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.22 | 4.43
Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Peter Mörtenböck / Helge Mooshammer: Occupy. Bielefeld: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9203-occupy_43147, veröffentlicht am 25.04.2013.
Buch-Nr.: 43147
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Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
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