/ 21.06.2013
Karl Kaser
Patriarchy after Patriarchy. Gender Relations in Turkey and in the Balkans 1500-2000
Wien/Berlin: Lit 2008 (Studies on South East Europa 7); 322 S.; brosch., 34,90 €; ISBN 978-3-8258-1119-8Seit dem Ende des Ost-West-Konflikts befinden sich die Staaten auf dem Balkan in einer Phase des Umbruchs. Sozialistische Regime wurden durch parlamentarische Demokratien ersetzt, Gesetze zur Gleichstellung der Geschlechter implementiert. Diese Reformen erfolgten von oben und waren nicht in den betroffenen Gesellschaften verankert, so die These, weshalb die Gefahr einer Unterminierung besteht. Der Autor sieht jetzt patriarchale Strukturen und die damit einhergehende Diskriminierung von Frauen in modifizierter Form auf den Balkan zurückkehren. Er beschreibt die Gefahr eines „patriarchal backlash“ (9). In seiner Analyse verfolgt er die traditionellen Erscheinungsformen des Patriarchats in der vom ihm untersuchten Region, die er in Anlehnung an die Provinz des römischen Reiches Eurasia Minor nennt, sowie deren Niedergang im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts. Patriarchale Strukturen können sich aber nach wie vor im Erbrecht, arrangierten Eheschließungen, polygamen Formen des Zusammenlebens, vorherrschenden Verhütungsmethoden wie der des Coitus Interruptus, scharfen Sanktionen bei Ehebruch sowie einer starken Kontrolle von Frauen durch die Gesellschaft manifestieren. Kaser begreift diesen Backlash als eine Folge der kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien, dem „spillover effect“ (278) der Re-Islamisierung in der Türkei sowie einer Wiederbelebung alter Traditionen aus der vorsozialistischen Epoche in den postsozialistischen Staaten des Balkans. Griechenland mit seinen stabilen Verhältnissen bildet hierbei eine Ausnahme. Allerdings ist die vom Autor beschriebene „Neo-patriarchie“ (281) vermutlich nur ein temporäres, wenn auch facettenreiches Phänomen. Kaser resümiert, dass es in Euroasia Minor vermutlich längerfristig zu einer Stärkung der politischen Institutionen kommen könnte. Diese wären dann im Idealfall in der Lage, die nach dem Gesetz garantierte Gleichstellung der Geschlechter in die harsche Realität des Patriarchats zu vermitteln.
Marinke Gindullis (MG)
Politikwissenschaftlerin.
Rubrizierung: 2.27 | 2.61 | 2.63
Empfohlene Zitierweise: Marinke Gindullis, Rezension zu: Karl Kaser: Patriarchy after Patriarchy. Wien/Berlin: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29321-patriarchy-after-patriarchy_34684, veröffentlicht am 12.08.2008.
Buch-Nr.: 34684
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Politikwissenschaftlerin.
CC-BY-NC-SA