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/ 04.06.2013
Jan Willem Honig / Norbert Both

Srebrenica. Der größte Massenmord in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus dem Englischen von Thomas Bertram

München: Lichtenberg 1997; 287 S.; 38,90 DM; ISBN 3-7852-8409-8
Unvergessen sind die Fernsehbilder, auf denen zu sehen war, wie die Serben mit Hilfe des von der UN beauftragten Dutchbat die bosnische Schutzzone Srebrenica räumen ließen und dabei ihre von vornherein tödlich gemeinte Selektion vornahmen: Frauen und Kinder konnten abziehen, die Männer werden beiseite geschafft und später massakriert; wahrscheinlich waren es mehr als 10.000. Unbegreiflich ist dieses entsetzliche Versagen Europas angesichts eines so manifesten Vernichtungswillens noch immer. Und dennoch haben die Autoren Honig und Both, letzterer war als Assistent des Jugoslawien-Vermittlers Lord Owen tätig, die schwierige Aufgabe übernommen zu erklären, wie es dazu kommen konnte, daß diejenigen, die zum Schutz der bedrängten Muslime ausgesandt worden waren, deren Mördern geradezu in die Hände arbeiteten. Die Autoren beginnen ihre detailgenaue Schilderung der Umstände mit der Eroberung von Srebrenica (Teil 1), sie erläutern dann, wie es zwei Jahre zuvor überhaupt zu dem umstrittenen Konzept der Schutzzonen kam (Teil 2), und erklären zuletzt, auf welche Weise die so geschaffenen Fakten zusammen mit einer schwankenden UNPROFOR-Strategie den Weg für das Massaker ebneten (Teil 3). Die Autoren ermöglichen den Blick hinter die Kulissen: die schwierigen, durch die Vielzahl der Beteiligten noch zusätzlich komplizierten Entscheidungsstrukturen auf Seiten der Intervenierenden; deren unterschiedliche Interessenlagen als Hemmnis für ein einheitliches, gemeinsames Vorgehen; die taktische Überlegenheit der Serben, die die Schwächen der Bündnispartner zu ihrer eigenen Stärke zu machen vermochten. Das Ganze ist ein grausames Lehrstück. Es zeigt, daß einer Gemeinschaft, die in einem Krieg intervenieren will, ohne selbst zum Kombattanten werden zu wollen, nur zwei Rollen bleiben: die des Zuschauers oder die der Geisel. Es zeigt auch, daß bei einer Gemeinschaft fehlende Selbstbetroffenheit offenbar nur schwer zu der Einheit des Entschlusses finden läßt, die der gegnerischen Entschlossenheit zur Vernichtung alleine Paroli bieten könnte. Aber es zeigt auch, daß, wie beispielsweise im Fall der USA, moralischer Rigorismus in Kombination mit militärischer Impotenz unheilvoller sein kann als ein Pragmatismus, der partielles Unrecht hinnimmt, um das totale zu verhindern. Lehrreich ist dies Buch wahrlich - wird man daraus lernen?
Barbara Zehnpfennnig (BZ)
Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 2.622.254.41 Empfohlene Zitierweise: Barbara Zehnpfennnig, Rezension zu: Jan Willem Honig / Norbert Both: Srebrenica. München: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4326-srebrenica_6095, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 6095 Rezension drucken
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