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/ 20.06.2013
Matthieu Leimgruber / Martin Lengwiler (Hrsg.)

Umbruch an der "inneren Front" Krieg und Sozialpolitik in der Schweiz, 1938-1948

Zürich: Chronos Verlag 2009; 195 S.; 24,50 €; ISBN 978-3-0340-0926-3
Mit der Frage, wie sich der schweizerische Sozialstaat zur Zeit des Zweiten Weltkriegs entwickelt hat, untersuchen die Autoren einen Bereich, der im Vergleich zur Außen- oder Wirtschaftspolitik bisher wenig erforscht ist. Insgesamt resultiert aus den Beiträgen ein gemischtes Bild, Innovationen wie der Erwerbsersatzordnung stehen Stagnationen in der Gesundheitspolitik oder ein nur bedingt zukunftsfähiger Ausbau der Familienpolitik gegenüber. Leimgruber und Lengwiler untersuchen die Breite der sozialpolitischen Transformationen in der Schweiz im internationalen Vergleich. Sie bestimmen drei Eigenheiten der schweizerischen Sozialstaatsentwicklung: Erstens werde sie stark von föderalen Akteuren und den kantonalen wie kommunalen Behörden vorangetrieben, zweitens spielten private Akteure bei der Durchführung von Sozialprogrammen eine zentrale Rolle und drittens sei die schweizerische Sozialstaatsgeschichte von „hybriden institutionellen Konstellationen“ (23) geprägt, in denen öffentlich Systeme durch private Akteure vorstrukturiert werden. Im Vergleich mit u. a. Großbritannien, Deutschland oder Schweden konstatieren die Herausgeber: „Auch im europäischen Kontext erweist sich der Zweite Weltkrieg kaum uneingeschränkt als sozialstaatlicher Katalysator“ (41). Die europäischen Vergleichsstaaten hätten sich kaum so sprunghaft entwickelt, wie ältere Forschungen dies darstellten. Beatrice Schumacher untersucht die Familienpolitik der Periode und verlängert ihre Betrachtung interessanterweise bis in die Gegenwart. Sie konstatiert, dass die Familienpolitik zwar zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine rechtliche Verankerung bekam, im politisch stark aufgeladenen Dualismus mit der Alterspolitik aber keine Chance hatte und „– sozialtechnisch gesehen – zur Privatsache“ (139) wurde. Dies ist für Schumacher vor allem das Ergebnis einer seit 1930 einsetzenden „gesellschaftspolitisch restaurativen Phase“ (162). Die Autoren des Bandes gehören dem Netzwerk Schweizerische Sozialgeschichte an, und die Beiträge gehen auf eine Sektionstagung aus dem Frühjahr 2007 zurück.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.52.262 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Matthieu Leimgruber / Martin Lengwiler (Hrsg.): Umbruch an der "inneren Front" Zürich: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21699-umbruch-an-der-inneren-front_36396, veröffentlicht am 23.02.2010. Buch-Nr.: 36396 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA