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/ 05.06.2013
Helmut König (Hrsg.)

Der Fall Schwerte im Kontext

Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1998; 174 S.; kart., 29,80 DM; ISBN 3-531-13146-X
Hans Schwerte vertrat das Fach Germanistik an der RWTH Aachen seit 1965, 1970 übernahm er dort - von einer linksliberalen Mehrheit gewählt - das Amt des Rektors. 1995 bekannte Schwerte, am Ende des Zweiten Weltkrieges seinen ursprünglichen Namen (Hans Ernst Schneider) gewechselt zu haben. Diese biographische "Konstruktion" sollte seine Karriere unter dem Nationalsozialismus verdecken - Schneider war im Range eines SS-Hauptsturmführers in leitender Position für die SS-Unterorganisation "Ahnenerbe" tätig gewesen. Der "Fall Schwerte" war - trotz der spektakulären öffentlichen Reaktionen auf die Entlarvung - kein singuläres Ereignis. In der alten Bundesrepublik gab es etliche verwandte Fälle, in denen Inhaber von Leistungsrollen berufliche Reputation erwerben konnten, weil sie ihre frühere Zugehörigkeit zur NS-Elite erfolgreich zu verbergen wußten. Allerdings - und darin mag man ein Spezifikum dieses Ereignisses erblicken - vollzog sich die Mehrzahl der dergestalt doppelten Karrieren eher im rechten Milieu, während Schwerte/Schneider (wie die Literaturwissenschaftler Paul de Man und Hans Robert Jauß oder der Journalist Peter Grubbe, denen ähnliche Vorwürfe gemacht worden sind) dem links-liberalen Milieu zugerechnet werden. Der Sammelband enthält Beiträge einer 1997 veranstalteten Tagung der Philosophischen Fakultät der RWTH Aachen, von denen sich vier mit Biographie, Werk und typologischer Bedeutung der Karriere Schwerte/Schneiders auseinandersetzen. In ähnlicher Perspektive diskutieren Klinger bzw. Kohlstruck die Rolle von zwei weiteren ehemaligen Aachener Ordinarien (Arnold Gehlen: Soziologie; Klaus Mehnert: Politikwissenschaft). Der Band ist lehrreich, weil er - am biographischen Beispiel - die Differenz von Fakten und Bedeutung demonstriert. Was jeweils als "Fall" gilt und gegebenenfalls skandalisiert wird, hängt nicht nur - wie zumal Kohlstruck und König zeigen - vom historischen Kontext der jeweiligen Biographie ab, sondern auch von der methodischen Perspektive derjenigen, die Fakten zu einem "Fall" rekonstruieren. Inhalt: Einleitung des Herausgebers: Der Fall Schwerte und die Reaktionen (6-13); Bernd-A. Rusinek: Schwerte/Schneider: Die Karriere eines Spagatakteurs 1936-1995 (14-47); Albrecht Betz: Der "Schwertträger" als Publizist. Zu Hans Ernst Schneiders Veröffentlichungen vor 1945 (48-65); Walter Müller-Seidel: Probleme der literarischen Moderne. Am Beispiel des Germanisten Hans Schwerte (66-97); Helmut König: Von der Diktatur zur Demokratie. Der Fall Schwerte im Kontext der Bundesrepublik (98-125); Gerwin Klinger: Arnold Gehlen - Theoretiker der Führung und Mitläufer (126-137); Michael Kohlstruck: Der Fall Mehnert (138-172).
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.352.3122.313 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Helmut König (Hrsg.): Der Fall Schwerte im Kontext Opladen/Wiesbaden: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7758-der-fall-schwerte-im-kontext_10297, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10297 Rezension drucken
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