/ 04.06.2013
Jürg Altwegg
Die langen Schatten von Vichy. Frankreich, Deutschland und die Rückkehr des Verdrängten
München/Wien: Carl Hanser Verlag 1998; 389 S.; 45,- DM; ISBN 3-446-19474-6Nach seiner langjährigen Tätigkeit als Kulturkorrespondent in Frankreich beleuchtet der Schweizer Autor, heute FAZ-Redakteur, die brisante Frage nach der französischen Mitverantwortung am nationalsozialistischen Grauen und deren Aufarbeitung. Altwegg deutet die deutsche Besetzung 1940 und die Kollaboration des Vichy-Regimes als den tiefsten Einschnitt und das größte Trauma Frankreichs seit der Revolution. Wie 1789 begann auch die Nachkriegsepoche mit einem radikalen Bruch mit der Vergangenheit, dessen Folgen die französische Politik und Kultur bis heute nachhaltig bestimme. Exemplarisch zeigten Anfang dieses Jahres die Debatten um den Papon-Prozeß die noch bestehenden Ambivalenzen im Selbstbild Frankreichs und seinem Verhältnis zu Deutschland. Ein merkwürdiger Konsens zwischen Gaullisten und Kommunisten, die diesen Prozeß als Angriff und Diffamierung des französischen Volkes durch seine kulturellen Eliten ablehnten, wurde wiederbelebt. Die ideologisch entsprechend gefärbte "Résistance-Verklärung" (367) ist in einigen politischen Lagern auch nach der Epoche des Erinnerns und Gedenkens, die mit dem Machtantritt Mitterrands einsetzte, noch lebendig. In den Worten des französischen Historikers Furet: "Wenn sich die Franzosen ihrer Vergangenheit zuwenden, muß man stets die Leidenschaft fürchten, mit der sie diese zelebrieren, um der Bestandsaufnahme aus dem Wege zu gehen." (361). Altwegg präsentiert die 50jährige Geschichte einer langsamen Aufarbeitung des Traumas von Vichy. Im Mittelpunkt steht dabei die ständige Auseinandersetzung der Intellektuellen und Kulturschaffenden mit politischen Positionen und zeitgeschichtlichen Ereignissen. Der Band ist somit auch eine eindrucksvolle Kulturgeschichte, eine Geschichte der politischen Kultur und der Kulturpolitik Frankreichs: "die Übergänge zwischen Geschichte, Politik und Kultur sind fließender als anderswo" (7).
Andreas Eis (AE)
Jun.-Prof. Dr., Didaktik des politischen Unterrichts und der politischen Bildung, Institut für Sozialwissenschaften Oldenburg, Fakultät I.
Rubrizierung: 2.61 | 2.312 | 4.21 | 4.22 | 2.23 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Andreas Eis, Rezension zu: Jürg Altwegg: Die langen Schatten von Vichy. München/Wien: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6360-die-langen-schatten-von-vichy_8626, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 8626
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Jun.-Prof. Dr., Didaktik des politischen Unterrichts und der politischen Bildung, Institut für Sozialwissenschaften Oldenburg, Fakultät I.
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