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/ 22.06.2013
Christoph Broszies / Henning Hahn (Hrsg.)

Globale Gerechtigkeit. Schlüsseltexte zur Debatte zwischen Partikularismus und Kosmopolitismus

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2010 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1969); 480 S.; 16,- €; ISBN 978-3-518-29569-4
Die Debatte um globale Gerechtigkeit ist ein relativ neues Paradigma, das wissenschaftsgeschichtlich gesehen an Rawls „Theory of Justice“ anknüpft und diese auf den Bereich der Internationalen Beziehungen überträgt. Hatte Rawls noch seine Theorie unter der Bedingung entworfen, dass sich eine abgeschlossene Vereinigung von Menschen über Gerechtigkeitsgrundsätze einigen sollte, erscheint unter den Bedingungen von Globalisierung und Entstaatlichung gerade diese nationalstaatliche Prämisse als zunehmend fraglich. Dass Fragen der Gerechtigkeit nicht an Landesgrenzen aufhören, ja gerade dort virulent werden (Menschenrechte, Asyl oder Umweltschutz) ist ein zentrales politisches Argument zugunsten des Universalismus. Zugleich hatte Rawls' Hypothese die Aufgabe, den Gerechtigkeitsbegriff als politische und nicht als bloße moralische Norm zu begründen und sie institutionell zu operationalisieren. Hier sehen sich die Partikularisten bestätigt, denn eine politische Gerechtigkeitskonzeption muss nach Institutionen und nicht nur nach moralischen Ansprüchen fragen. Obwohl die Debatte zwischen diesen beiden Polen oszilliert, überschneidet sie sich mit anderen, ebenfalls an Rawls Gerechtigkeitstheorie abarbeitenden Kontroversen der letzten dreißig Jahre – namentlich der zwischen Liberalismus und Kommunitarismus sowie der zwischen Egalitarismus und Anti-Egalitarismus. Es ist ein Verdienst der Herausgeber, nicht nur zahlreiche prominente Beiträge dieser neuesten Entwicklung der Gerechtigkeitsdebatte versammelt und geordnet zu haben. Es gelingt ihnen zudem in ihrer Einleitung hervorragend, die Entstehung, den Verlauf und die Grundmuster der Debatte, die für den Nichteingeweihten ebenso verwirrend ist wie für den, der nicht daran glaubt, dass politische Theorie im Kern Moralphilosophie sei, zu strukturieren. Kritikwürdig ist jedoch die Gewichtung der Beiträge, denn dass gegenüber sechs kosmopolitischen Texten nur drei partikularistische Autoren ausgewählt wurden, dürfte etwas unfair sein.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 4.15.425.24.454.42 Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Christoph Broszies / Henning Hahn (Hrsg.): Globale Gerechtigkeit. Frankfurt a. M.: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32811-globale-gerechtigkeit_39185, veröffentlicht am 19.11.2010. Buch-Nr.: 39185 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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