/ 05.06.2013
Giorgio Agamben
Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben. Aus dem Italienischen von Hubert Thüring
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2002 (Erbschaft unserer Zeit. Vorträge über den Wissensstand der Epoche 16); 212 S.; kart., 10,- €; ISBN 3-518-12068-9Im Zentrum des Buches steht das "nackte Leben", der heilige Mensch, der nicht geopfert werden darf, aber getötet werden kann. Agamben beginnt mit der aristotelischen Unterscheidung des bloßen Lebens, zoe, das vom zweckhaft-politischen Leben, bios, getrennt sei. Der Prozess der Moderne, vor allem seit der Französischen Revolution, sei nun vom stetigen Eindringen des nackten Lebens in die Welt der Politik und der Souveränität gekennzeichnet, sodass letztere nur noch durch das Leben legitimierbar sei. Wenn durch die Geburt der Mensch zum Bürger wird, sind Nationalstaat und Leben untrennbar miteinander verknüpft. Umgekehrt bedeute also der Niedergang des Nationalstaates die Auflösung dieser Verknüpfung; wenn die moderne Politik keinen anderen Wert als das Leben kenne, dann werden Ideologien, die die Entscheidung über nacktes Leben an den Gipfel ihrer Politik gestellt haben, paradigmatisch für die Moderne. So kommt Agamben gleich am Anfang zu der provozierenden Behauptung, dass Faschismus und Nazismus, Menschenversuche und KZs eine Grundtendenz ausdrücken, die auch sonst feststellbar ist. Die "These von der innersten Solidarität zwischen Demokratie und Totalitarismus" (20) ist nur eine der vielen Formulierungen, die das Buch philosophisch geistreich erscheinen lassen mögen, den Politikwissenschaftler aber etwas ratlos zurücklassen. Die vermeintliche Unzeitgemäßheit der Menschenrechte (135 ff.) gehört ebenso dazu wie eine merkwürdig unbeteiligte Darstellung der NS-Menschenversuche und der Euthanasie (145 ff.). Extremste Manifestationen werden durchweg als Folge von Entwicklungstendenzen der gesamten Moderne dargestellt, und die Unterscheidung zwischen Demokratie und Diktatur spielt vor diesem Hintergrund keine große Rolle mehr. Ein Beispiel: "In seiner extremen Form stellt sich der biopolitische Körper des Abendlandes (diese letzte Verkörperung des Lebens des homo sacer) vielmehr als Schwelle der absoluten Ununterscheidbarkeit zwischen Faktum und Recht, Norm und biologischem Leben dar. In der Person des Führers [Hitler] geht das nackte Leben unmittelbar in Recht über, so wie in der Person des Lagerbewohners (oder des neomort) das Recht ins Unbestimmte des biologischen Lebens übergeht." (196) Damit wird zoe zu bios, und dieser Prozess ist für den Autor, in Abgrenzung zu Strauss und Arendt, unumkehrbar. Ein merkwürdiges und merk-würdiges Buch.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.42
Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Giorgio Agamben: Homo sacer. Frankfurt a. M.: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6688-homo-sacer_9020, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 9020
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Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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