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/ 19.06.2013
Sebastian Liebold

Kollaboration des Geistes. Deutsche und französische Rechtsintellektuelle 1933-1940

Berlin: Duncker & Humblot 2012 (Beiträge zur Politischen Wissenschaft 170); 352 S.; 78,- €; ISBN 978-3-428-13741-1
Diss. Chemnitz; Begutachtung: E. Jesse, A. Söllner. – Die Demokratie gilt heute unangefochten als einzige legitime Regierungsform. Noch in den 1930er-Jahren aber zog sie existenzielle Kritik auf sich, das galt zumal für Deutschland und Frankreich. Der Autor zeichnet das Deutschland- und Frankreichbild von sechs politisch rechts stehenden Intellektuellen nach. Dazu zählen die Deutschen Friedrich Sieburg, Frankreich-Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“, Karl Epting, Kulturpolitiker und Wissenschaftler, und Johannes Stoye, Publizist. Als Vertreter der französischen Seite wird das Denken der Schriftsteller André Germain und Alphonse de Châteaubriant sowie des Publizisten Bertrand de Jouvenel dargestellt. Die Genannten waren ausnahmslos stark nationalistisch eingestellt, einige äußerten sich auch antisemitisch. Es ist auffallend, wie einig sich die sechs Denker bei aller Verschiedenheit im Detail über ihre beiden Länder waren. Durchweg standen sie der Demokratie in Frankreich und dem Institutionengefüge des Versailler Vertrages kritisch gegenüber. Frankreich wurde als schwach und im Abstieg begriffen, Deutschland dagegen als stark und im Aufschwung befindlich eingeschätzt. Die Stärke des Deutschen Reiches sahen sie in dessen autoritärem System, und auch die im Entstehen begriffenen Merkmale eines totalitären Staates (offensiver Kultur- und Erziehungsgedanke, Idee des Staates als eines organischen Systems etc.) schätzten sie tendenziell als Kraftquelle ein. Charakteristisch ist der unabhängig voneinander gegebene Hinweis von Sieburg und de Jouvenel, der autoritäre Staat sei ein Ausdruck französischer beziehungsweise europäischer Tradition. Ganz einverstanden mit der sich dramatisch zuspitzenden Entwicklung nach dem Frankreichfeldzug scheinen einige der sechs aber dann nicht mehr gewesen zu sein: In Deutschland publizierte Stoye ab 1943 nicht mehr, Germain und de Jouvenel gingen aus Frankreich ins Schweizer Exil. Die Arbeit ist gut lesbar und sinnvoll gegliedert. Eine instruktive Tabelle fasst die wesentlichen Erkenntnisse zusammen. Liebolds Studie bietet insgesamt nicht nur eine vergleichende Analyse des Denkens der genannten Intellektuellen, sondern auch einen spannenden (und gleichwohl bedrückenden) Einblick in die politische Diskussion der 1930er-Jahre.
Kristian Klinck (KLI)
Dr. rer. pol., Politikwissenschaftler, Lehrbeauftragter, Institut für Sozialwissenschaft, CAU Kiel.
Rubrizierung: 2.232.612.312 Empfohlene Zitierweise: Kristian Klinck, Rezension zu: Sebastian Liebold: Kollaboration des Geistes. Berlin: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21677-kollaboration-des-geistes_42508, veröffentlicht am 04.10.2012. Buch-Nr.: 42508 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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