/ 21.06.2013
Peter Sloterdijk
Theorie der Nachkriegszeiten. Bemerkungen zu den deutsch-französischen Beziehungen seit 1945
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2008 (edition suhrkamp Sonderdruck); 72 S.; 7,- €; ISBN 978-3-518-06992-9Sloterdijk beschäftigt sich mit der „Funktion von Nachkriegszeiten für die Selbstregulierung von Kulturen“ (8), wobei er die politische Kultur Frankreichs in den Mittelpunkt rückt und schließlich Rückschlüsse auf die deutsch-französischen Beziehungen zieht. Sein Befund mag auf den ersten Blick überraschend sein – das seit der Begegnung Adenauers und de Gaulles in Reims 1962 „gute Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich ruht auf der soliden Basis jener endlich erreichten Beziehungslosigkeit, die man diplomatisch als Freundschaft zwischen den Völkern beschreibt“ (65). Das lange kriegerische Verhältnis der beiden Länder sei aber nicht (allein) durch Diplomatie in eine positive Beziehungslosigkeit verwandelt worden. Entscheidend sei vor allem das jeweilige Selbstverständnis, das der Philosoph in den Kriegserfahrungen und vor allem in deren Bearbeitung in der Nachkriegszeit verwurzelt sieht. Während Deutschland ein einigermaßen gutes Zeugnis erhält, gerät die Betrachtung Frankreichs zu einer scharfen und wenig schmeichelhaften Problemanalyse. Sloterdijk zieht eine Analogie zwischen Italien 1918 und Frankreich 1945 – zwei Länder, die eigentlich einen Krieg verloren hatten, es aber rechtzeitig auf die Seite der Sieger geschafft hatten. Dieser „Triumphalismus der Verlierer“ (26) aber habe eine Aufarbeitung der eigenen Fehler verhindert. In Italien habe dies in den Faschismus geführt, in Frankreich nur in das kleinere Übel, in „die gaullistische Therapie“ (28). Zugleich aber habe die französische Linke „eine zweite Fälschungsfront“ (29) errichtet und den Anschein erweckt, zusammen mit der Sowjetunion den Krieg gewonnen zu haben. Das Ergebnis sei ein hermeneutischer Krieg gewesen, in dem sich zwei inkompatible Strategien der Kriegsergebnisfälschung gegenübergestanden hätten. Sloterdijk hält dem Gaullismus zwar zugute, die alte Rechte mit der republikanischen Moderne versöhnt zu haben. Dennoch bilde seine Erbmasse „ein für Europa nicht berechenbares Risiko“ (42). Der Text geht auf eine Rede zurück, die Sloterdijk 2007 in Freiburg hielt.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.61 | 2.3 | 2.313 | 2.315 | 2.35 | 2.23 | 4.2
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Peter Sloterdijk: Theorie der Nachkriegszeiten. Frankfurt a. M.: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29356-theorie-der-nachkriegszeiten_34729, veröffentlicht am 23.09.2008.
Buch-Nr.: 34729
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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