/ 23.01.2014
Judith Butler
Am Scheideweg. Judentum und die Kritik am Zionismus. Aus dem Englischen von Reiner Ansén
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2013; 277 S.; 28,90 €; ISBN 978-3-593-39946-1Die Philosophin Judith Butler bietet mit diesem Buch eine sprachgewaltige Reflexion über die Möglichkeit einer Kritik an der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern, die nicht als Antisemitismus gebrandmarkt wird. Es ist eine Doppelposition: gerechte Kritik am Nationalismus und Militarismus Israels und das gleichzeitige Ausschließen sämtlicher „Formen des Antisemitismus und sonstiger Rassismen“ (32). Sie entwirft eine aus der Beziehung von Philosophie und Politik gespeiste ethische Begründung eines binationalen Staates. Ihre Überlegungen schließen Gedanken zum Jüdisch‑Sein in seiner Beziehung zum Zionismus wie die Entwicklung eines universellen ethischen Prinzips der Verantwortung des Ichs für Andere ein. Butler will zeigen, „dass durchaus jüdische Werte der Kohabitation oder des Zusammenlebens mit Nicht‑Juden zum ethischen Kernbestand des Diaspora‑Judentums gehören“ und „dass die Verpflichtung auf soziale Gleichstellung und soziale Gerechtigkeit integraler Teil säkularer, sozialistischer und religiöser jüdischer Traditionen ist“ (9). Ihr Gestus atmet die ethische Überzeugung bei gleichzeitiger Erfahrung politischer Kritik. In diesem Sinne reiht sich das Nachsinnen über einen „Scheideweg“ in ihre Auseinandersetzung unter anderem mit der Kategorie des Geschlechts ein. Mit Emmanuel Lévinas gewinnt Butler das Prinzip der Verantwortung aus dem Antlitz des Anderen und liest es – parallel zum Nachdenken über die Gewalt bei Walter Benjamin und die Widersprüchlichkeit des Zionismus bei Hannah Arendt – als Gebot und Pflicht zur Gerechtigkeit. Gerade die Arendt‘schen Stichworte des Flüchtlings, des Exils und der Vertreibung unterfüttern Butlers Forderung nach Flüchtlingsrechten, die nicht zu neuen Staatenlosen oder zu neuer Gewalt in Palästina führen. Mit den Worten der Dichter Edward Said und Mahmoud Darwish umschließt die Philosophin ästhetisch den Rahmen einer möglichen und doch unmöglichen Idee von Exil und Heimat. Ihre mehrschichtige Suche nach Werten und Begründungen ist zugleich ein politischer Aufruf.
Ellen Thümmler (ET)
Dr., Politikwissenschaftlerin, wiss. Mitarbeiterin, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 5.44
Empfohlene Zitierweise: Ellen Thümmler, Rezension zu: Judith Butler: Am Scheideweg. Frankfurt a. M./New York: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36647-am-scheideweg_44912, veröffentlicht am 23.01.2014.
Buch-Nr.: 44912
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Dr., Politikwissenschaftlerin, wiss. Mitarbeiterin, Institut für Politikwissenschaft, Technische Universität Chemnitz.
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