/ 22.06.2013
Hans-Christian Petersen / Samuel Salzborn (Hrsg.)
Antisemitism in Eastern Europe. History and Present in Comparison
Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2010 (Politische Kulturforschung 5); 245 S.; 39,80 €; ISBN 978-3-631-59828-3Die Geschichte eines modernen und wachsenden Europas werde heute zunehmend als eine Erfolgsgeschichte erzählt, führen die Herausgeber ein. Doch diese Geschichte, so erläutern sie weiter, bedürfe auch der kritischen und vergleichenden Reflektion von Traditionslinien wie der des erstaunlich zähen Antisemitismus. Klaus-Peter Friedrich untersucht in seinem Beitrag die Entwicklung des Antisemitismus in Polen vom späten 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Er führt aus, dass der polnische Antisemitismus, basierend auf ethnischen und politischen Vorurteilen und Spannungen, sich während der letzten Jahrzehnte der polnischen Teilung formierte. Friedrich betont mit kritischen Blick auf den Nationalismus: „Modern antisemitism in Poland is a by-product of the age of nationalism.“ (23) Mit der Herrschaft der Nazis und der Sowjetunion zwischen 1939 und 1941 habe sich die Situation gleichwohl nochmals verschlechtert. Hernach habe der polnische nationale Kommunismus Elemente des nationaldemokratischen Antisemitismus übernommen und über viele Jahre politisch instrumentalisiert, schildert Friedrich. Erst die Solidarność habe sich dieser Entwicklung widersetzt und damit einen Prozess angestoßen, der bis heute nicht abgeschlossen sei. Als problematisch in diesem Kontext schildert der Autor einen Wettbewerb des Leids, der verhindere, sich mit den antisemitischen Aspekten der polnischen Geschichte zu befassen. Die Entwicklung des Antisemitismus in Russland wird von Petersen untersucht. Er konstatiert, dass das Land als einer der letzten beiden europäischen Staaten im 20. Jahrhundert angekommen sei. Um 1900 lebte die weltweit größte Population von Juden in dem Land. Deren vergleichsweise schlechte rechtliche Situation und Diskriminierung in einem multiethnischen Reich erklärt der Autor aus der allgemeinen Situation des Landes. Denn ein konstanter Faktor über alle Phasen hinweg sei die enge Verbindung von antisemitischen Ausfällen mit krisenhaften Situationen im politischen und wirtschaftlichen Bereich gewesen. Petersen bindet Antisemitismus also auf individueller Ebene an ökonomische Sorgen und an eine Art von Sehnsucht nach einem „reactionary Utopia“ (191).
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.23 | 2.61
Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Hans-Christian Petersen / Samuel Salzborn (Hrsg.): Antisemitism in Eastern Europe. Frankfurt a. M. u. a.: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32872-antisemitism-in-eastern-europe_39267, veröffentlicht am 25.10.2010.
Buch-Nr.: 39267
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Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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