/ 22.06.2013
Fritz Backhaus / Dmitrij Belkin / Raphael Gross (Hrsg.)
Bild dir dein Volk! Axel Springer und die Juden. Hrsg. im Auftrag des Fritz Bauer Instituts und des Jüdischen Museums Frankfurt a. M.
Göttingen: Wallstein Verlag 2012; 224 S.; brosch., 19,90 €; ISBN 978-3-8353-1081-0„Soll hier einer der großen Gegenspieler der sogenannten 68er hagiographisch verklärt werden?“ (7) Diese Frage ist keineswegs abwegig, im Mai dieses Jahres wäre Axel Springer 100 Jahre alt geworden und so wurde reichlich publiziert über den lange umstrittenen Verleger. Nun scheint er endgültig zum unumgänglichen Inventar der (alten) Bundesrepublik zu gehören, jedenfalls ehrt ihn auch das Fritz Bauer Institut zusammen mit dem Jüdischen Museum Frankfurt mit einer Ausstellung und diesem Begleitband. Das Thema allerdings ist ein spezielles, war Springer doch – was für einen eingefleischten Deutschnationalen, wie Daniel Cohn-Bendit ihn bezeichnet, keineswegs selbstverständlich war – den Juden und Israel zugewandt. „Im Gegensatz zu den meisten Deutschen seiner Generation hat Axel Springer das Terrorregime der Nazis und die Ermordung von sechs Millionen Juden nie verdrängt als einen bedauerlichen Unfall in der ansonsten so gloriosen deutschen Geschichte“ (101), schreibt Michael Jürgs. Dieses Eintreten für die Verantwortung der Deutschen für ihre Geschichte und für Israel wird in diesem Band aufgefächert, aber immer verknüpft mit den Facetten, die eine Hagiografie unmöglich machen: Springers „Wallfahrt“ (Adenauer) nach Moskau, um Chruschtschow eben kurz zu erklären, dass die Deutschen wiederzuvereinigen seien, ist dabei eine im Nachhinein eher peinlich-lustige Anekdote; ernst zu nehmen ist dagegen die Frage, warum Springer als engen Mitarbeiter den Antisemiten und Rechtskonservativen Paul Karl Schmidt beschäftigte. Christian Plöger konstatiert in seinem Beitrag eine gegenseitige Wertschätzung und gemeinsame Glaubenssätze etwa im Bereich der Deutschlandpolitik. Ansonsten taten sie in ihrem Verhältnis das, „was nach 1945 oft genug bittere Realität war: Ausklammern, Ignorieren, Verschweigen und Verdrängen all dessen, was hätte belastend sein können“ (71). Dieser an eine Person gebundene Umgang mit der Vergangenheit (oder deren Ausblendung) beschreibt auch Karl Christian Führer in seinem Beitrag über die Bild-Zeitung und die Juden in den 1950er- und 1960er-Jahren: Die Verbrechen wurden „konsequent personalisiert, was alle freisprach, die nicht wie Eichmann oder Baer zu den ‚wirklichen Schuldigen’ gehörten“ (21). Nicht ausgeblendet wird in diesem Band zudem, dass Springer, trotz seiner Bereitschaft, sich für die deutsche Geschichte mitverantwortlich zu zeigen, mit seinen Zeitungen sehr viel zur Verschärfung der politischen Kultur in der Bundesrepublik beitrug und damit sogar zur Zielscheibe der RAF wurde (Beitrag von Wolfgang Kraushaar) – nach Ansicht von Daniel Cohn-Bendit ist die Hetze noch heute „die Grundstrategie der Bild-Zeitung“ (207).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3 | 2.313 | 2.333
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Fritz Backhaus / Dmitrij Belkin / Raphael Gross (Hrsg.): Bild dir dein Volk! Göttingen: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35084-bild-dir-dein-volk_42226, veröffentlicht am 14.06.2012.
Buch-Nr.: 42226
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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