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/ 04.06.2013
Eamon Collins / Mick McGovern

Blinder Hass. Autobiographie eines irischen Terroristen. Aus dem Englischen von Klaus Kochmann

Frankfurt a. M.: S. Fischer 1997; 507 S.; geb., 44,- DM; ISBN 3-10-010812-4
Das Buch könnte auch den Untertitel "Memoiren eines Terroristen" tragen, denn Collins schildert hier (mit der Unterstützung eines Journalisten) seine Zeit als Mitglied der IRA vom anfänglichen Zuträger nebensächlicher Informationen über den planenden und mitausführenden Kopf von Terroranschlägen in Nordirland bis hin zu seiner Abkehr von der IRA und einem neuen Anfang als Sozialarbeiter. Dabei bedient er sich einer manchmal brutalen Sachlichkeit der Schilderung, ohne jedoch die zentralen Fragen nach Verantwortung, Rechtfertigung und Schuld für seine Taten auszulassen. Gerade hierin liegt denn auch die Stärke des Buches, das den Nordirland-Konflikt aus der Insiderperspektive betrachtet und sich den Irrationalitäten, den Teufelskreisen von Leiderfahrung und Vergeltung, den banalen Momenten und der eigentümlichen Dynamik widmet, die aus unauffälligen Menschen auf einmal brutale und rücksichtslose Terroristen machen können. Collins schildert sehr viel von dieser psychologischen Seite des Terrorismus, die nicht nur in den Mechanismen der Entpersonalisierung des Gegners zum Tragen kommt, sondern auch von der IRA über Kontrollen und eingeforderte Loyalitätsbeweise bewußt eingesetzt wird. Das Buch hat in England für Schlagzeilen gesorgt, und der Aussteiger hat es sich sowohl mit seinen alten Kameraden verdorben wie auch durch die penible Darstellung seiner Mitwirkung in Anschlägen die Forderung nach Gefängnis von der anderen Seite erhalten (er wurde freigesprochen, nachdem die Umstände des Zustandekommens seines Geständnisses auf gerichtliche Bedenken stießen). Auf diese Weise wurde aus dem Jäger ein Gejagter und gerade durch die Erfahrung dieser Situation wirkt sein Plädoyer für eine Ablehnung jeglicher Gewaltanwendung so glaubhaft, zumal er sich trotz allem doch nicht ganz von alten Feindbildern lösen kann. Das Buch schockiert teilweise und verfügt über einige nicht nur sprachlich problematische Passagen. Gleichwohl bietet es einen authentischen Einblick in die Tiefenstrukturen des Nordirlandkonflikts, an deren Aufarbeitung keine politische Lösung vorbeikommen kann.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.612.25 Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Eamon Collins / Mick McGovern: Blinder Hass. Frankfurt a. M.: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4432-blinder-hass_6229, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 6229 Rezension drucken
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